Peru – von Puno nach Cusco per Inka-Express – 4300 m

Anders als der Begriff „Inka-Express“ nun glauben macht handelt es sich dabei keineswegs um eine Eisenbahnstrecke sondern eine Busverbindung. Die Route verlief zwar häufig in Sichtweite des traumhaft verlegten Schienenstrangs und benötigte fast eben so viel Zeit wie der darauf fahrende Zug. Allerdings bietet die Asphaltbahn zwischen der Stadt Puno am Titicaca-See und Cusco einige unschlagbare Vorteile: Der speziell an die mutmaßlichen Erwartungen von Touristen angepasste Bus hält an diversen Schauplätzen, die zwischen dem erwähnten „Geburtsort“ des Inka und der sagenhaften Inka-Hauptstadt liegen. Es ist nicht so, als dass die Reise des Manco Capac mit seinem goldenen Stab nacherzählt werden würde, aber die Stopps geben doch einen interessanten Einblick in die Gegebenheiten des Inka-Reiches.
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Lange nachdem wir die durch einen starken Regen verschlammte Regionalmetropole Juliaca hinter uns gelassen haben und ländlich geprägte Architektur längst als einfache Lehmhütten bezeichnet werden mussten, erreichten wir die teilweise geschliffene Festung Pucará. Hier zeichnete sich bereits die unrühmliche wie auch konsequente Vorgehensweise der spanischen Konquistadoren bei der Würdigung des architektonischen Erbes der Ureinwohner ab: Sobald ein Gebäude nur den Hauch einer kulturellen oder religiösen Bedeutung hatte – wie z. B. der Pucará-Tempel – wurde es dem Erdboden gleichgemacht und aus seinen Trümmern eine Kirche errichtet. Die zwei Lamas aus Ton, die die Einwohner traditionell als Glücksbringer auf ihre Dächer setzten, wurden zudem durch tönerne Stiere ersetzt.
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Der Inka-Express schickte sich an, den La Raya Pass zu überqueren, ein Umstand, der uns nochmals auf eine Höhe von 4300 m bringen würde. Der Pass bildet zugleich eine Wasserscheide, die einerseits dem Titicaca-See und anderseits Cusco und dem heiligen Tal die Fliessrichtung des versorgenden Wassers zuwies. Die Landschaft ist durch Ackerbau geprägt, dessen Terrassen-Struktur die Handschrift der Inka-Bauern verriet. Die Lehmhäuser wurden immer kleiner, nicht wegen eines vermeintlichen Mangels an Baumaterials, vielmehr wegen der Schwierigkeit, diese Gebäude in einem Winter von rund minus 20 Grad ausreichend zu beheizen. Es gibt kein natürliches Holz auf dieser Höhe, so dass Lama-Dung meist als Brennstoff dient.
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Bald erreichten wir Raqchi mit dem Tempel von Wiracocha. Diesen Ort haben wenige Peru-Reisende auf dem Zettel, weil er etwas abseits der großen Publikumsmagnete liegt. Es gab eine Vielzahl von Gründen sehr beeindruckt zu sein. Wenn man den Ausführungen glauben schenken mag, wurde die weitläufige Anlage als eine Art Wellness-Oase für die Inka-Elite genutzt. Sie liegt – wie viele Inka-Städte – in oder an einem Tal-Kessel, der von schwer zu überwindenden Bergen gesäumt war.
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Unser nächstes Ziel war die kleine Bergstadt Andahuaylillas. Hier ist es den Bewohnern gelungen, eine Inka-Hängebrücke zu erhalten, der sie eine Römer- wie auch später eine Stahlbrücke zur Seite stellten; ein Brücken-Museum das bestimmt seinesgleichen sucht.
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In dem frühkolonialen Kirchlein San Pedro Apostol de Andahuaylillas sollte nun erstmalig ein kleines Konzert für uns aufgeführt werden, ein Test für die Fahrgäste des Inka-Express‘ wie es hieß. Wir betraten das Kirchenschiff und waren erst einmal erstaunt über die reichhaltige und barocke Original-Ausstattung, die das Fotografieren leider nicht gestattete. Vor dem Altar war ein aus Streichern und Bläsern bestehendes Kinder-Orchester aufgereiht, dessen Mitglieder nervös die kurzen Standbeine hin und her wechselten. Wir setzen uns in die ersten Reihen der altehrwürdigen Bänke während uns die hoffnungsvollen Talente in blumigen Worten angekündigt wurden. Eine kurze Stille und spannende Sekunden später überrannte uns eine Kakophonie aus Geigen und Flöten, wobei sich nur langsam die Grundstruktur einer sehr bekannten peruanischen Volksweise ankündigte: El Condor Pasa! Ich hielt Agnes fest an der Hand und starrte nach vorne um sie nicht ansehen zu müssen, denn uns war klar, dass sich dies in einen wenig höflich erscheinenden Lachanfall gesteigert hätte. Was wir bis dahin noch nicht wussten: Hier in diesem Kirchlein wurde das weltbekannte Stück von seinem Komponisten Daniel Alomía Robles uraufgeführt, er hatte es hier in seiner Heimatstadt Andahuaylillas geschrieben.
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Zwei Stunden später erreichten wir das monumentale südliche Stadttor der ehemaligen Inka-Stadt Cusco.
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