Bolivien – Schuhputzer in La Paz

Sie sind auf allen wichtigen Plätzen, in Geschäftsstraßen und überall, wo sich potentielle Kunden tummeln: die Schuhputzer – lustra zapatos oder limpia botas – von La Paz. Auch in anderen Städten sind wir ihnen schon begegnet. Aber hier stechen sie uns besonders ins Auge. Hier tragen sie nämlich nicht nur ihr kleines Holzschächtelchen mit Schuhcreme und Bürste mit sich herum. Hier in La Paz fallen sie auf, weil sie sich hinter Gesichtsmasken verstecken. Wir haben uns natürlich gefragt, warum das so ist und haben als Antwort einen Tipp von meiner Kollegin Steffi bekommen. Sie hat uns auf eine Organisation hingewiesen, die Stadtführungen in La Paz anbietet. Das sind keine gewöhnlichen Touren, sondern sie werden von Schuhputzern begleitet.

Auf dem Rundgang haben wir dann also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, wir haben Interessantes über die Stadt La Paz erfahren und die wichtigsten Plätze besucht und gleichzeitig etwas über die Geschichte der Schuhputzer allgemein und die ganz persönlichen Lebensumstände unserer Guides gelernt. Wir haben gehört, dass die Schuhputzer in der gesellschaftlichen Hierarchie der Stadt ziemlich weit unten stehen. Der Ruf des Berufszweigs ist schlecht: Man bezichtigt sie des übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsums. Um dieses Stigma zu vermeiden, verstecken sich viele hinter ihrer Maske. Denn tatsächlich verbergen sich unter den Schuhputzern Menschen, die zwar aus einfachen Verhältnissen stammen, aber auch Ambitionen haben, die sich etwas dazuverdienen müssen oder neben dem Studium auf der Straße arbeiten. Sie wollen nicht von ihren Kommilitonen, ihren Kollegen, Nachbarn und manchmal sogar von ihren Familien erkannt werden.

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Tito putzt an der Plaza San Pedro, vor dem berühmten Gefängnis. Berühmt deshalb, weil dort in der Vergangenheit sogar Touren für Touristen angeboten wurden. Das war wohl ein lukratives Geschäftsmodell für die Anbieter, denn in diesem Knast läuft es anders als bei uns. Die Gefangenen müssen sich ihre Zelle kaufen und je mehr Geld und Einfluss sie haben, desto angenehmer wird ihr Leben hinter Gittern ablaufen. Manche leben dort zusammen mit der ganzen Familie. Nicht die Polizei hat hier das Sagen, sonderrn die Macht liegt in den Händen der Insassen selbst – natürlich spielen Drogen eine große Rolle. Das Ganze funktioniert wie eine Parallelgesellschaft.

Tito erzählt, wie er als Kind im Gefängnis Schuhe geputzt hat: Sonntags putzen sich die Insassen heraus. Sie lassen sich die Haare machen, ziehen ihren besten Anzug an und brauchen natürlich auch blitzblanke Schuhe…

Tito selbst kommt jeden Tag mit dem Bus von El Alto, der Schwesterstadt von La Paz, herunter. Dort leben die meisten Schuhputzer, die ambulanten Straßenhändler und viele, die die kleinen Dienstleistungen auf den Straßen La Paz’ anbieten. Er hat einige Stammkunden, die er heute aber versetzt und zu seinem Kollegen  schickt, während er uns berichtet. Jeden Tag wartet er auf diiesem Stammplatz an der Plaza.

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Nicht alle Kollegen von Tito nutzen den Vorteil eines Stammplatzes, denn dazu ist es nötig, Mitglied in einerr Asociación de lustra zapatos, einer Art Schuhputzerverband, zu sein. Die Mitgliedschaft kostet natürlich Geld, das nicht alle aufbringen können. Außerdem will die Stadt die Zahl der Schuhputzer begrenzen und vergibt keine neuen Plätze. Man kann also ggf. nur den Platz eines anderen überrnehmen. Als ambulanter Schuhputzer kann man aber auch Stammkunden haben, wie uns ein anderer Schuhputzer, Walter, an der Plaza Mayor schildert. Er nimmt jeden Tag die  gleiche Route und zieht von einem Platz zum anderen. Die Plaza Mayor, gleich neben der Plaza San Francisco (und der gleichnamigen Kirche) gelegen, spielte übrigens eine bedeutende Rolle im Leben der Schuhputzer. Hier wurde früher ein Fussballturnier der verschiedenen Asociaciones ausgetragen. Noch heute scheinen jugendliche lustra zapatos sich dieser Tradition in der Mittagspause zu erinnern.

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Schuheputzen, das kostet in der Regel 1,5 Bolivianos. Das sind umgerechnet vielleicht 20 Cent. An einem guten, sonnigen Tag kommt ein Schuhputer vielleicht mal auf 100 Bs. Je nach Wechselkurs entspricht das grob 10 Euro. Im Durchschnitt wird er aber eher 30-40 Bs. verdienen. Damit ist es selbst in einem armen Land wie Bolivien schwierig, eine Familie zu ernähren. Auch Kinder putzen, z.B. in den Ferien, um das Famiieneinkommen aufzubessern. Kinderarbeit ab 10 wurde ja kürzlich in Bolivien gesetzlich wieder erlaubt.

“Vamos juntos”, so heißt die Organisation, die sich um die Schuhputzer und ihre Familien kümmert und auch die Stadttouren organisiert. Vor ca. 15 Jahren von einer Deutschen gegründet, arbeitet Vamos Juntos heute mit etwa 500 Schuhputzern und deren Familien zusammen. Das Ziel ist es dabei, die individuellen Lebensbedingungen  und gleichzeitig das Bild der lustra zapatos in der Gesellschaft zu verbessern. Dazu soll insbesondere auch die Stadttour beitragen. Vamos Juntos bekommt übrigens keine staatliche Hilfe, sondern finanziert diese wichtige Arbeit nur über Spenden. Einen großen Beitrag leisten auch die Weltwärts-Freiwilligen, die regelmäßig auf der Straße mit den Schuhputzern sprechen, um unmittelbar von Problemen und Sorgen in deren Familien zu errfahren. Mehr Infos über die Organisation und auch den Kontakt für die Stadttour findet Ihr auf www.vamosjuntos.de

 

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