Bolivien – La Paz – 2900 bis 4000 m

Der Anflug auf Nuestra Señora de La Paz oder besser auf ihren Flughafen in El Alto darf als spektakulär bezeichnet werden. Eine der Besonderheiten dabei ist, dass man nach Erreichen der normalen Flughöhe nicht mehr allzu viel an Höhe verlieren muss, um auf der endlos lang erscheinenden Landebahn aufzusetzen. Die dünne Luft bei 4000 m über dem Meeresspiegel macht die erhöhte Geschwindigkeit und damit die längere Startbahn erforderlich. Meine laienhaften Luftfahrt-technischen Kenntnisse lassen die Annahme zu, dass auch der Landevorgang entsprechende Anforderungen stellt.
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Zuvor ziehen die schneebedeckten Gipfel zahlreicher andiner 6 und 7 Tausender am Fenster vorbei um dann nur wenige Meter über den ausgedehnten Flechtenteppich aus roten Backsteinmauern, -häusern und gleisenden Blechdächern hinwegzugleiten und schließlich Bodenkontakt zu erhalten.
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Der chaotische Verkehr gab dem Taxifahrer die Möglichkeit unsere stichwortartigen Fragen abzuarbeiten: Oben wohnten die Armen, dort sei immer Vorsicht angebracht! Unten, wo die Reichen residierten, sei es sicherer aber uninteressant. Im aufstrebenden Stadtteil Sopocachi wohnten wir irgendwo dazwischen.
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Oben und unten seien durch 3 Seilbahn-Linien miteinander verbunden, gelb, grün und rot; ein Wahlkampfversprechen von Evo Morales. Die Stadt habe ein enormes Verkehrsproblem, eine U-Bahn in die Berghänge aus Granit zu hauen wäre zu teuer, also müssten die Österreicher es richten, die sich bestens auf Seilbahnen verstünden.
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Das Taxi folgte der Serpentine Richtung Talkessel durch ein Meer unverputzter Bauten, deren Zahl, Lage und Bauart einen eher informellen Eindruck machten. Wir wussten bereits aus vorhergehenden Gesprächen, dass der Umstand des fehlenden Verputzes einem bolivianischen Gesetz zu verdanken war.
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Dieses sah eine Steuer nach der Fertigstellung eines Gebäudes vor, wobei die Schwelle der Fertigstellung mit dem Auftragen des Putzes überschritten wurde. Graffiti gilt dabei nicht als Putz. Nach Köln oder Amsterdam also wieder eine Stadt, deren Gesicht unwissentlich durch ein Steuergesetz geprägt wurde.
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Moderne Wolkenkratzer markierten den Stadtkern auf der Talsohle, bei näherer Betrachtung ist es ein Gemenge von Kolonial-, Diktatur- und Milleniumsarchitektur mit ordentlicher Patina in Abhängigkeit vom Entstehungszeitpunkt.
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Irgendwie konnte die technische Infrastruktur schritthalten und ist mit gewachsen.
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Diese Mischung fand in den Menschen auf den dicht bevölkerten Straßen und Plätzen eine erstaunliche Entsprechung.
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Kinder dürfen nach einem neueren Gesetz wieder arbeiten. Diese Formulierung ist keine Ironie, denn die Regelung stellt eine Anpassung an die Wirklichkeit dar und ermöglicht eine gewisse Kontrolle.
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Insbesondere Kinder der indigenen Bevölkerung sind zahlreich auf der Straße anzutreffen. Dort wird keineswegs immer nur gespielt und ihre Verfassung und augenscheinliche Situation ist als sehr traurig zu bezeichnen, wobei das Dasein als Schuhputzerjunge noch das Bessere ist.
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Die Regierung Morales hat zudem eine Maßnahme übernommen, die schon in Brasilien die Bildungschancen der Heranwachsenden erhöht: Mütter erhalten Geld, wenn ihre Kinder zur Schule gehen. Leider fallen Tag der Auszahlung und Überprüfung zusammen, so dass die Klassenzimmer nur zu diesen Tagen gefüllt sind. Auch reicht das Geld eigentlich nicht um die Kosten für die benötigten Bücher abzudecken, aber immerhin.
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Ein Hinweis in einem Reiseführer auf einen Markt für Utensilien des Hexenhandwerks war hinreichend um unsere Neugierde in Flammen zu setzen. In zwei kleinen Straßen konzentrierten sich die Läden für die Zutaten des in Europa aus der Mode gekommenen Gewerkes.
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Meist handelt es sich um Miniaturabbildungen des durch den Auftraggeber der Hexerei begehrten Zustandes oder Objektes, dann um allerlei Pülverchen und schließlich um die Föten von Lamas. Diese stehen im Ruf, Glück und Wohlstand zu bringen, wenn man sie in der einen oder anderen Zimmerecke einmauerte.
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Wir schlenderten durch das Gedränge in den Gassen der Altstadt und ergaben uns der Flut aus sensorischen Erfahrungen in Form von Einblicken, Ausblicken, Geräuschen und Gerüchen.
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Der erhaltene historische Teil ist übersichtlich, so dass wir schnell in das Regierungsviertel gelangten. Die 2009 begonnene Umgestaltung Boliviens in einen Plurinationalen Staat hat zunächst die Folge, dass immer zwei Fahnen an jedem staatstragenden Gebäude wehen: Die Nationalfahne Boliviens und das Wiphalla von Qullasuyu, eine Fahne mit dem Symbol der andinen Völker wie z.B. der Aymara.
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Rund um die Plaza Pedro D. Murillo steckt man häufig die Köpfe zusammen um einen politischen Aspekt zu diskutieren.
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Vor dem präsidialen Amtssitz von Evo Morales dagegen herrscht zu plurinationaler Würde geronnene Gelassenheit.
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Da wir direkt an einer gelben Zwischenstation der Teleférico wohnten nutzen wir die Gelegenheit für eine erneute Ausfahrt nach El Alto zum Preis von billigen 3 Bolivianos.
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Die Mitteilungsfreude unserer Kabinengenossen zeigte, wie stolz die Paceños auf ihre Seilbahn sind, auch wenn es immer Kritik an der Gestaltung des Liniennetzes gab. Einer aktuellen Ankündigung zufolge solle es noch um 6 weitere Linien ausgebaut werden, die Farbpalette der Wiphalla bietet hierfür noch genug Spielraum.
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