Bolivien – Tarija – 1900 m

Der Agent der bolivianischen Fluggesellschaft schaute hinter seinem Röhrenmonitor hervor und warf einen freundlichen, aber bestimmten Blick über den hölzernen Schreibtisch zu uns herüber. Nein, es gäbe in den kommenden 2 Wochen keinen Flug von Salta nach Bolivien. Dann nahm er einen Stift in die Hand, zog einen Block hervor und schrieb darauf Stichworte seines folgenden Vortrags, wobei er dessen Ortsmarken nochmals unterstrich. Dies sei die Beste der wenigen Möglichkeiten, nach Bolivien zu kommen, fasste er zusammen. Wir folgten seinen Empfehlungen.

Der Bus erreichte die Grenzstadt Aguas Blancas um 5 Uhr morgens. Der Strom war ausgefallen und wir entglitten dem Fahrzeug in die völlige Dunkelheit. Laut Plan sollten wir nun ein Taxi zur Grenze nehmen, doch die ortskundigen Fahrgäste waren schneller. Die endende Nacht verbarg die Verunsicherung in unseren Gesichtern. Unerwartet fragte uns eine junge Frau, ob wir uns ein Taxi mit ihr und ihrem Freund teilen wollten. Wir bejahten das in eine befristete Adoption mündende Anliegen des chilenisch-argentinischen Paares.
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Daniela und Alejandro geleiteten ihre Adoptivkinder alsdann durch die Silhouette der Grenzstation, in der eine Reihe argentinischer Beamter – jeweils mit einer Taschenlampen unter dem Kinn – die Ausreisestempel in mutmaßliche Pässe drückten.
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Die Beiden führten ihre Schützlinge im ersten Morgenlicht über die nur fuß-läufig passierbare Brücke, dem Regenbogen folgend, über den Grenzfluss. Vorbei an der Bürokratie bolivianischer Beamter ohne das übliche Handgeld; mit einem weiteren Taxi ging es in die nahe Grenzstadt, die den Namen des Flusses trug. Sie organisierten ein Collectivo (Sammeltaxi), borgten ihnen das nötige Kleingeld und lieferten sie 4 Stunden später wohlbehalten, dankbar und erschöpft auf der Plaza der Regionalmetropole Tarija ab. Danke!
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Das nach dem Plaza-Modell erstellte Tarija ist die zweite Stufe unseres Planes zur nachhaltigen Höhenanpassung. Wegen ihres relativen Wohlstandes steht sie zudem für einen entschärften Kulturschock beim Erstkontakt mit dem wirtschaftlich schwächsten Land Südamerikas. Die Umgebung Tarijas ist nebenbei das Weinanbaugebiet Boliviens und wahrscheinlich das höchst gelegene der Welt. Die Weine gibt es nur in Bolivien zu kaufen. Ein Sachverhalt, den ich für alle anderen und die Handelsbilanz des küstenlosen Staates sehr bedauere.
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Das architektonische Glanzlicht bildet ein mit silbernem und goldenem Felgenlack lackiertes Kolonialgebäude – die Casa Dorada.
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In einem der zahlreichen Geschäfte für Kommunikationselektronik kauften wir eine SIM-Karte und machten die ersten Erfahrungen mit landestypischen Eigenarten, die sich in den folgenden Tagen wiederholen werden: Das Spanisch ist innerhalb des Gesprochenen manchmal nur schwer zu identifizieren, der Blick meidet meist den Gesprächspartner, die Zuwendung gilt allen gleichzeitig, dafür aber ist die Aufmerksamkeit kurzlebig und die Handlungsbereitschaft benötigt kommunikative Unterstützung. Diesen Eigenschaften entspricht natürlich nicht jeder, wobei jedoch festzustellen ist, dass Männer ihnen eher zugeneigt sind. Ein Paradebeispiel war der SIM-Kartenverkäufer, dessen Handelsware 7 Tage später ihrer Bestimmung folgte.
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Wie auch in den Nachbarländern werden die Ereignisse in Europa genau beobachtet. Mit einer verdeckten Genugtuung nimmt man zur Kenntnis, dass es „auf dem Kontinent“ ungelöste Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen gibt und bezieht Stellung. Außerdem können wir uns auf eines immer verlassen: Wenn in Deutschland der Mob Aufmärsche gegen Randgruppen organisiert, dann wird das auch in Südamerika in den Aufmachern der Zeitungen und Fernsehnachrichten ausgiebig breit getreten.
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