Argentinien – Patagonien – El Chaltén

Eine prägende musikalische Kindheitserinnerung befand sich als Vinylscheibe in einem weißen, von Kinderhänden abgegriffenen Cover in der Plattensammlung meines Vaters. Auf der Mitte der Hülle war ein bunter Kreis, darüber befand sich ein Schriftzug. Dessen Deutung überließ ich meinem Bruder, der bereits lesen gelernt hatte: „Ell Kondopassa“ enthielt eine eindringlich Melodie, dargeboten von einer Batterie von Panflöten und stammte angeblich aus Peru; einem fernen Land, das nur Karl May bereits erreicht haben konnte.

Wer diese Folge von Harmonien einmal bis zum Ende gehört hatte, war ihr bis zum Erreichen der Pubertät verfallen (und hatte nebenbei tödlich genervte Eltern). Auch danach blieb sie unlösbar in temporär ungenutzte Speicherorte meines Gehirns gestanzt, derer es viele gab.

Erst Jahre später sollte diese Musik in den Fußgängerzonen einiger polnischer Ostseebäder wieder auftauchen. Präsentiert wurde sie von asiatischen Schauspielergruppen, die in Kostümen und Gesten nordamerikanischer Indianer die Einheit von Tier, Mensch, Sonne und Mond zeichneten. Diese Performance materialisierte sich in einer käuflichen Musik-CD, deren Inhalt im Hintergrund aus Lautsprechern klang. Zu dieser Zeit wusste ich bereits, dass „El Condor pasa“ ins Deutsche übersetzt ungefähr das bedeutet: „Der größte südamerikanische Geiervogel fliegt vorüber“.
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Weitere Jahre sollten vergehen, bis wir die Rundwanderpfade erkundeten, die die Nationalparkbehörde um die Stadt El Chaltén herum in die Wildnis geschlagen hatte. Der kleine Ort lag in der Sole eines harmonischen Tals, das durch den Rio FitzRoy (!) geschliffen wurde.
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Die Siedlung wurde eigentlich nur geschaffen, um die Einnahmen aus dem Wandertourismus nicht gänzlich den chilenischen Nachbarn auf der anderen Seite der Kordilleren zu überlassen. Wenn die Wetterlage es zuließ, konnte man den Gipfel des FitzRoy (!) erblicken, was jedoch niemals zutraf.

Wir wanderten um einen Berg herum, passierten eine idyllische, zauberhafte Seenlandschaft und konnten bereits wieder die ersten Häuser im Tal sehen.
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Ein Schatten zog über uns hinweg, worauf ich meinen Blick in den Himmel richtete. Die dunklen Konturen eines großen Vogels hoben sich vom Blau des Himmels ab. Die fingerhaften Federn an seinen Flügelspitzen stimmten in meinem inneren Konzertsaal eine Batterie von Panflöten an, die sich urplötzlich aus einer meiner Gehirnwindung herauslöste: El Condor pasa!
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Der Vogel trieb von einer großen Höhe herab, die er mit Hilfe thermischer Winde erklommen hatte, verschwand hinter einem Berg. In diesem Augenblick legte er eine Distanz zurück, für die wir einen ganzen Tag gewandert waren.
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Kurze Zeit später passierten wir eine Felswand, in der ich einen kleinen weißen Punkt ausmachte. Bei näherem Hinsehen erkannten wir das hühnergroße Küken des Condors, das sich durch seine am Horsteingang heruntergelaufene Notdurft verraten hatte.
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Bevor ich das vergesse: Robert Fitz Roy war der Kommandant der Beagle. Dieses Schiff hatte auch Charles Darwin für seinen Patagonien-Reisen genutzt. Es reicht also schon, hunderte von Kilometern an einem Berg vorbei gesegelt zu sein, damit er Deinen Namen trägt. Anders als Fitz Roy hat Darwin die naturwissenschaftlichen Entdeckungen ihrer gemeinsamen Reisen nicht mit der Schöpfungskraft Gottes erklärt und somit keinen Berggipfel erhalten.

2 Gedanken zu “Argentinien – Patagonien – El Chaltén

  • 12. Januar 2015 um 12:43
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    dankeschön! jetzt hab ich deinen ohrwurm ;-)

    Antwort
    • 12. Januar 2015 um 23:07
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      Das kann nun nicht mehr sein, zumindest nicht nach unserer heutigen 3-stündigen Fahrt im Collectivo. Es gibt ja so schöne Musik…. . ;-)

      Antwort

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