Uruguay – Montevideo – Stadtentwicklung mit Experimentalphysik

Eine Fahrt in Uruguays Hauptstadt Montevideo war die weitere Herausforderung, die wir dem Mitsu auferlegten. Am Busbahnhof navigierte ich das Fahrzeug mit dem hochseetauglichen Lenkungsspiel zunächst in ein Parkhaus. Hier konnte der landestypisch röhrende Auspuff nochmals voll zur Geltung kommen. Im Terminal selbst arrangierten wir schon mal unser Rückfahrtticket, das uns später wieder über den Rio de la Plata bringen sollte. Dann machten wir uns zu Fuß auf in das alte Herz der Stadt.
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Die vergangene Schönheit der Primatstadt muss man sich erarbeiten. Auf unserem sich hinziehenden Fußmarsch umwarben uns Villenviertel aus dem beginnenden letzten Jhdt. mit ihrem morbiden Charme. Näher am Zentrum wuchsen Pracht der patinierten Fassaden und auch die Anzahl der Stockwerke. Unglaublich verschwenderische Bauten, die ich als Laie der Neoklassik, dem Viktorianischen oder dem Jugendstil zuordnen würde, wechselten sich ab mit architektonischen Verfehlungen aus den letzten vier Dekaden, für die es nimmermehr eine halbwegs versöhnliche Erklärung geben kann.
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Ich hatte mir das urbane Treiben wegen der aktuellen Liberalisierung der Drogengesetze als bunte Kifferfete vorgestellt. Doch die Metropole wirkte wie verlassen, denn es war Sonntag. Das Hafenviertel wartete auf Touristen und wir auf das Ende des Regens. Indessen beobachten wir auf der Plaza de Independencia die Dreharbeiten zu einem Werbespot.
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Als wir über die langgezogene Avenida Libertador zurück geschlendert waren, hatte sich bereits ein seltsamer Eindruck verfestigt: Wäre nicht diese Stille, die nur durch den gleichförmigen Strassenverkehr durchbrochen war, glaubte ich mich manchmal fast in Havanna; ein Havanna, in das jemand wahllos 80er Jahre Bauten aus Bukarest gestellt hatte.
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Am Heck eines Busses zerschlugen sich dann auch schließlich unsere Befürchtungen, dass wir in Uruguay Episoden der neuen Staffel von The Big Bang Theory verpassen könnten, wenn wir sie denn hätten sehen wollten.

Uruguay – Mobil in Piriápolis

Wir waren inzwischen in Uruguay in einer netten kleinen Cabaña am Strand. Schnell war klar, dass es eine Reihe von Schwierigkeiten zu bewältigen geben würde: Erstens befindet sich die Hütte ungefähr 30 Minuten Fussweg vom Zentrum von Piriápolis entfernt. Das wäre nicht schlimm, wenn auf dem Weg dahin auch nur eine einzige Bar, ein einziges Restaurant geöffnet oder ein Supermarkt zu finden wäre. Und wenn man auf dem Rückweg nicht bei 35 Grad ohne Schatten den Berg hoch müsste. Offensichtlich machen die wenigen Lokalitäten, die es außerhalb des Zentrums gibt, erst zu Saisonbeginn auf (also etwa in einer Woche), und keinen Tag früher. (Wenn man beim Renovieren und Streichen zuguckt, steht zu befürchten, dass sie es auch bis dahin nicht rechtzeitig schaffen.)

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Unsere Recherchen im Internet, wann denn ein Bus die Haltestelle um die Ecke passieren würde, blieben ergebnislos. Auch Beatriz, unsere Vermieterin, hat es nicht rausgefunden. Wie sich herausstellte waren wir ihre ersten Gäste aus dem nicht-argentinischen Ausland. Und sie hatte einfach nicht damit gerechnet, dass jemand mal ohne fahrbaren Untersatz anreisen könnte.

Außerdem hatten wir eigentlich geplant, uns für einen Tag ein Auto zu mieten, um die Küste zu erkunden. Aber leider gab es in der Umgebung weder Autovermietung noch Reisebüro.

Alles kein Problem für Beatriz: Als tüchtige Geschäftsfrau hatte sie sofort eine Lösung parat. Sie bot uns an, ihren alten Pick-up zu mieten. Vielleicht wollte sie ihn uns auch verkaufen, denn der Mietpreis für die drei Tage entsprach wahrscheinlich ungefähr dem Fahrzeugwert. Aber es geht hier natürlich nicht ums Materielle, sondern die inneren Werte zählen. Und der Tank war fast voll.

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Das Auto hat uns nicht enttäuscht. Nach Roberts Meinung wird dies aber wohl eine der letzten Reisen dieser 20 Jahre alten Schrottkarre gewesen sein. Beatriz ist allerdings überzeugt, dass das Auto bestens in Schuss ist und ihr noch die nächsten 10 Jahre gute Dienste leisten wird…

Uruguay – ohne Sinn

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Als sich dieser Tilt-Shift-Effekt – also, dass alles wie Spielzeug aussieht – wie eine Seuche in der Film- und Fotolandschaft verbreitete, habe ich mir geschworen, ihn nicht einzusetzen. Ich fand, dass die Softwarespielerei zu oft und vor allem ohne Sinn eingesetzt wurde. Daher war ich davon überzeugt, darauf verzichten zu können.

Doch ich war schwach. Ich musste es tun. Zu meiner Entschuldigung habe ich anzubringen, dass mir das Foto ohne den Effekt sonst niemand abgenommen hätte. Ich schwöre …

 

Uruguay – Die Belgier unter den Latinos

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Wir verließen B.A. per Schiff um den Rio de La Plata zu überqueren. Das Flussdelta hatte an dieser Stelle eine Breite von rund 50 km. Am anderen Ufer hatten wir den Boden Uruguays unter den Füßen. Ein Bus schaukelte uns unweit der Küste Richtung Piriápolis. Wir erwarteten ein beschauliches Städtchen, das im 18 Jhdt von einem selbstverliebten Esoteriker gegründet wurde und wohl in den 20ern des letzten Jhdts Karriere als Jugendstil Badeanstalt gemacht hatte.

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Zuvor zog jedoch eine in alle Grünvariationen getauchte und mit Zurückhaltung kultivierte Landschaft an unserer getönten Scheibe vorbei. Auf frühlingssaftigen Weiden stand schwarzfleckiges Vieh und mannshohe Räder aus geballten Heu und Stroh lagen auf den Feldern und Wiesen. Alles wirkte sehr vertraut.

Ich erinnerte mich daran, dass man uns in den 90ern lehrte, Uruguay sei die Schweiz Lateinamerikas. Ein Gefühl sagte mir, dass daran etwas nicht stimmte. Tage später korrigierte ich diesen Vergleich – zumindest für mich selbst: Es musste Belgien sein.

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Dafür sprachen mindestens 3 Gemeinsamkeiten: Erstens, die zögerliche Bereitschaft zur Erneuerung ihrer Fahrzeugflotten. Zweitens, eine Neigung zur Durchführung von Trödelmärkten und, drittens, der Gleichmut gegenüber den Regeln der Materialermüdung und des damit einhergehenden allgemeinen Zerfalls.

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Nur am Rande: Tage später unternahmen wir einen Ausritt mit unserem betagten Mitsubishi-Pickup, der für eine handvoll Dollar zeitweise in unseren Besitz geriet. Nach einer eindringlichen Empfehlung der eigentlichen Besitzerin ging es nach Punta del Este. Die Begründung der um kein Erlösmodell verlegenen Dame aus Montevideo war einfach: Auf der Strecke wurde keine peaje, also keine Maut, erhoben.

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In mir wurden dort bereits verblasste Erinnerungen an Ostende geweckt. Bettenburgen aus Beton drängten sich an einem langen Sandstrand und bildeten so eine seelenlose Siedlung.

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Argentinien – B.A. – Carnivore I

Nach den Aussagen vieler Experten und vor allem dem von mir sehr geschätzten Bruce Chatwin gab es in Südamerika früher keine nennenswerten Fleischfresser. Damit begründeten sie die guten Überlebenschancen des Riesenfaultiers, das ja wegen seiner gemächlichen Lebensart eine leichte Beute gewesen wäre.

Dann kam der Argentinier. Er brachte Rinder mit und es gefiel ihnen. Dann brachte er Pferde. Mit diesen konnte er die Rinderherden umrunden und einzelne Tiere heraus holen, um sie zu schlachten. Das tat er so erfolgreich, dass er bald einen großen Palast für seine Präsidenten bauen konnte, der einen Balkon für ihre Ehefrauen hatte. Dieses Casa tauchte er mit dem Blut der Rinder in ein zartes Rosa.

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Argentinien – B.A. – Leben in Palermo

So, heute lest Ihr endlich auch einmal einen Beitrag von mir. Nachdem ich mit einer schlimmen Erkältung aus Deutschland abgereist war, hat es ein wenig gedauert, bis sich der „Urlaubsmodus“ bei mir eingestellt hat. Nun endlich fühle ich mich aber entspannt und komme langsam hier an.

Palermo, das Stadtviertel in dem wir in Buenos Aires eine Unterkunft gefunden haben, erinnert mich ein wenig an das Barrio Italia in Santiago de Chile. Obwohl die „Wiederentdeckung“ des Viertels durch Künstler und junge Leute in Palermo wohl schon einige Jahre früher stattgefunden hat, als in Santiago. Hippe Klamottenläden von lokalen Designern reihen sich an Restaurants und Bars. Die Häuser sind meist zweistöckig und in bunten Farben bemalt. Nachts pulsiert das Leben im Viertel.

Gegenüber unserer Wohnung befindet sich ein Parkplatz, abgeschirmt durch eine Mauer. Bei unserer Ankunft war diese noch unauffällig weiß. Am nächsten Tag malte jemand mit schwarzer Farbe die Konturen von Tieren, Pflanzen und menschlichen Figuren darauf. Und am dritten Tag schließlich wurden die Figuren mit bunten Farben ausgemalt. Die Nachbarn versammelten sich und beobachteten die Maler begeistert bei ihrer Arbeit.

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Laya, unsere Vermieterin, erzählt, dass ihre Familie mit dem Haus Glück hatte: ihre Großmutter hatte es in den 60er Jahren gekauft. In einer Zeit, in der Palermo ein reines Wohnviertel und wegen der regelmäßigen Überschwemmungen dort, nicht beliebt war. Außerdem befand sich ganz in der Nähe des Hauses, an der Plaza Armenia, ein Gasdepot. Niemand wollte dort gerne leben, aber die Großmutter fand, es sei besser, bei einer Gasexplosion schnell zu sterben, als verletzt leiden zu müssen. Deshalb kaufte sie das Haus, trotz des Risikos.

Heute kann sich die Mittelschicht in Buenos Aires kein Haus mehr leisten. Immobilien müssen in Dollar finanziert werden, während die Gehälter in Pesos ausgezahlt werden. Laya und Damian verdienen zusammen umgerechnet etwa 1000 Dollar. Ein 1-Zimmerapartment kostet ungefähr 120.000 Dollar. Davon müssen allerdings 80% Eigenkapital eingebracht werden. Die Bank finanziert nicht mehr als 20%.

Argentinien – B.A. – der Stadtmensch

Die Porteña trägt sehr elegante Kleidung meist italienischen Stils. Sie trägt ihr langes Haar offen, manchmal hat sie es blond gefärbt. Nie sieht man sie ohne Handtasche. Ganz nach Tageszeit ist sie mit berufsbezogenen Gegenständen ausgestattet. Der wichtigste ist ihr Handy, das man ja bekanntlich nur in Deutschland so nennt. In Lateinamerika – vermutlich auch sonst überall – heißt es Celular (sprich Selular). In den vielen engen Einkaufsstraßen im Microcentro von B.A. mit zahlreichen hochwertigen Markengeschäfte fühlt sich die Porteña am wohlsten und pflegt den angesagten Hippie-Style.

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Der Porteño platzt vor Stolz. Am liebsten hält er sich unter seinesgleichen auf. Fremden gegenüber – im Besonderen, wenn es Frauen sind – benimmt er sich äußerst zuvorkommend und aufmerksam. Bewegungen seiner Hände sind kontrolliert und bilden im Ausklang meist eine Spitze. Wenn man sich vermeintlich nicht mehr in seiner Reichweite befindet spricht er mit lauter und meist rauchiger Stimme, die je nach Alter einen leichten Stridor mitführt. Vermutlich in den 70er Jahren hat er sich eine zeitgemäße Nackenmatte zugelegt und sich nie wieder davon getrennt.

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Argentinien – B.A. – Am Hafen

Der Mann in Buenos Aires nennt sich Porteño, die Frau Porteña. Man kann annehmen, dass es mit dem Hafen zusammenhängt. Der ältere Teil des Hafens ist in den letzten Jahren zu einem sehr teuren Wohnviertel umgebaut worden. So hat es auch der Kölner gemacht mit seinem Rheinauhafen.

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Anders als der Kölner ist der Porteño ausschließlich über den Hafen eingewandert. Zwar ist beiden gemeinsam, dass sie aus Italien, Spanien, Frankreich, Polen, Deutschland usw. kamen, doch der Porteño kam nicht irgendwie angeschlappt, sondern mit einem stattlichen Schiff. Dies konnte er nur über das Gebäude der Einwanderungsbehörde verlassen. Da muss auch noch heute jeder durch, wenn er oder sie einwandern will.

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Argentinien – don’t cry for me, Argentina

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Ich traf Evita Peron als wir über den Cementerio de Recoleta schlenderten, dem Friedhof auf dem sie 1952 beigesetzt wurde. Dass sie als streunende Katze wiedergekehrt ist, war bislang kein Schaden für die Beliebtheit, die sie offenbar noch heute in der argentinischen Bevölkerung genießt. Ihr Konterfei ist allgegenwärtig.

Ihr Grabmal war nicht einfach zu finden. Aber wenn man erstmalig davor steht, wird alles klar: Trauben von meist asiatischen Touristen drängen sich in der engen Gasse vor dem schwarzen Marmormausoleum der Familie Duarte. In der schweren Tür aus stehenden Bronzestäben haben Verehrer – oder waren es Verehrerinnen? – rote Rosen verankert.

Mit Sätzen, deren Betonung neben Würde auch letzte Gewissheit vermitteln sollte, gaben die Touristenführer mutmaßliche Details zu den Trauergewohnheiten der Familie preis. Niemand ahnte, dass Evita dabei zusah wenn sie nicht gerade ausgiebig eine ihrer vorderen Pfoten schleckte.

 

Argentinien – angekommen in Palermo

Nach einer Schleife über die schachbrettartige Ausdehnung von Buenos Aires sind wir sicher gelandet. Mit Ausnahme der Frisur unserer Stewardess gab es nichts Bemerkenswertes. Ich würde es als ein Haarwerk zwischen Geisha und 50er Jahre Look beschreiben.

Die Stadt ist groß, im Kernbereich hat sie wohl 3 Millionen Einwohner, wie uns der Taxifahrer später erläuterte. Die Metropole empfing und mit hohem Verkehrsaufkommen auf ihren Strassen, so daß die Fahrt in unsere Unterkunft rund 2 Stunden beanspruchte.

Dem Taxista blieb viel Zeit für einige Ausführungen, nachdem Agnes ihr routiniertes Kastillianisch offenbarte. Der Vorspann führte uns nach Sizilien – wiederum der 50er Jahre. In dieser Zeit war sein Vater in der italienischen Profiliga unter Vertrag. Wie wir aus den Nebensätzen von zahlreichen  Fussballkommentaren ja wissen, ist der Prototyp des argentinischen Einwanderers Italiener. Dazu werde ich später noch Details beitragen, glaube ich.

Alsdann erhielten wir eine Lektion in Landespolitik und wurden darüber aufgeklärt, dass die Familie Kirchner derzeit die Manifestierung eines neuen Ismo feiere, der dem Capitalismo oder gar dem Communismo in nichts nachstehen werde. Im Stadtbild, das im Fenster an uns vorbeizog, konnte man das manchmal wahrnehmen.

Im Stadtteil Palermo entliess er uns in unsere private Unterkunft bei Laya, einer jungen, aufgeschlossenen Frau. Gelegenheit uns gründlich zu erholen, wir waren müde. Heute diskutieren wir, ob nun unser Viertel Palermo oder San Telmo der Ehrenfelder Körnerstraße entspreche. Wir konnten das noch nicht abschliessend festlegen, Insider mögen selbst entscheiden …

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