Bolivien – Oruro und Uyuni – 3550 m

Eine Busfahrt im Regen brachte uns in 4 Stunden rund 200 Andenkilometer weiter nach Oruro. Die Bergarbeiterstadt ist im Land für seinen ausschweifenden Karneval bekannt. Interessierte Reisende sollten Bolivien-Erfahrung mitbringen, hier gibt es nichts für Einsteiger. Uns zog ihr Bahnhof an, der eine Zugfahrt nach Uyuni gestattete.
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Der Zug war natürlich nicht pünktlich und musste zudem das Passieren eines weiteren Zuges in die entgegengesetzte Richtung abwarten. Der Bahnsteig bot jedoch schöne Szenen, in denen die Themen Abschied und Warten bearbeitet wurden.
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Nachdem der Zug auch den gewerblichen Teil Oruros verlassen und auch das letzte Rennen gegen wütende Straßenköter gewonnen hatte, rüttelte er über die um 1910 grob verlegten Gleise, die am Rand eines traumhaften Sees und Vogelparadieses entlang führten. Flamingos, Enten und andere Schwimmvögel stiegen aufgeschreckt empor oder begleiteten uns einige Meter.

Als sich die Nacht über die hochandine Landschaft legte, widmete ich meine Aufmerksamkeit dem Klassiker “Terminator 2″, der zum Bordprogramm gehörte. Noch vor “Hasta la Vista, Baby” erreichten wir Uyuni.
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Ein Blick aus dem Treppenhaus des Hotels, in dem wir aus Witterungsgründen ein fensterloses Zimmer bewohnten, machte am nächsten Morgen klar, dass man diesen Ort nicht zweimal besuchen muss.
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Unser Interesse galt zunächst einem Eisenbahnfriedhof, den man nach einem halbstündigen Spaziergang auf den Gleisen und durch den unwirtlichen Stadtrand Uyunis erreichen konnte.
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Auf dem sandigen und spärlich bewachsenen Gelände wurden unzählige Lokomotiven und Waggons aus der Dampfmaschinenära abgestellt, nachdem sie jahrzentelang gewaltige Mengen Silber, Salz und andere Mineralien aus den Bergwerken und Salinen der Hochebene an die Pazifik- und Atlantik-Küsten Südamerikas geliefert hatten.
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Mit etwas Phantasie konnte man sich vorstellen, wie die Heizer an den offenen Feuerklappen schwitzten um gegen die Sauerstoffarmut der Hochandenluft anzuschaufeln; oder wie dichter Rauch aus den Schornsteinen puffte um die schwer beladenen Waggons im Schritttempo über den Pass zu ziehen.
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Nach der Umrüstung der Bahn auf Dieselbetrieb hatte man für sie nicht einmal mehr Verwendung als Ersatzteilspender. Lange Jahre vergessen waren sie der Witterung und dem Oxidationsprozess ausgeliefert bis sie vor einigen Jahren für den Tourismus wiederentdeckt wurden.
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Ähnliches habe ich als aufmerksamer Eisenbahnfan noch nicht gesehen! Wären dort nicht auch täglich unzählige Gruppen Selfie-Stick bewaffneter Backpacker, die auf dem Schrott lateinamerikanischer Wirtschaftsgeschichte herumturnten und selbstverliebte Bildnisse gegen flüchtige Aufmerksamkeit an das Gesichtsbuch verkauften, wäre ich gerne hier begraben.
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Argentinien – Salta – Tren a las Nubes

Der Tren a las Nubes fährt nicht mehr seit die bislang private Eisenbahngesellschaft von der argentinischen Regierung übernommen wurde.
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Der Bahnbedienstete war zuversichtlich, dass der traditionsreiche Zug im März 2015 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder seinen Betrieb aufnehmen würde.
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Diese Sicherheit steigerte er mit einer Geste in Richtung eines fast vollendeten Tischmodells in den Bereich der letzten Gewissheit – zu spät für uns!
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Argentinien – Carnivore II

Der Vegetarier spielt in der argentinischen Ernährung eine wichtige Rolle – im Besonderen als Grillgut in der Parilla.
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Die Parilla ist sozusagen das Ernährungszentrum des Argentiniers. In Köln würde man Grillhaus oder – wie in Köln Nippes der 90er Jahre – einfach „Grill 2000“ dazu sagen. Ganz vorne auf dem Rost bzw. am Feuer liegt das rote Fleisch des Vegetariers, meist Rind oder Schaf aber auch Lama oder Guanako.
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Wohl wegen seiner herausragenden Stellung wird es gerne gekreuzigt und an den Rand eines offenen Feuers gestellt.
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Weißes Fleisch hingegen, wie es die Allesfresser – Schwein oder Geflügel – liefern, kann als Sättigungsbeilage dienlich sein. Aber Vorsicht: Als Mann ein Hühnchen zu bestellen kann schnell dazu führen, dass man als homosexuell eingeschätzt wird. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn es nicht folgende Bewandtnis hätte: Homosexualität wird hierzulande nicht ähnlich interpretiert wie z.B. in einer Kölner Walldorfschule; also als gleichberechtigte sexuelle Ausrichtung oder als Spielart der Natur. Vielmehr muss man als männlicher, mutmasslicher Homosexueller eine gewisse Nachrangigkeit in der gesellschaftlichen Wertschätzung hinnehmen. Ähnlich wie der Sohn der Prostituierten – oder gar alles das, was eine Prostituierte im metaphorischen Sinne gebären könnte – ist der Homosexuelle nämlich ein unverzichtbares Element im Satzbau des argentinischen Mannes. Es ist eine Position, die es keinesfalls anzustreben lohnt.
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Pinguine gegen die Instrumentalisierung des Artenschutzes

Südlich des Rio Negros wird der Pinguin in einem unerträglichen Maße herabgewürdigt. Die meist als Artenschutz getarnten Demütigungen reichen in alle Bereiche des Alltags hinein.
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Meist wird der Pinguin durch Überziehen oder Überstülpen von Kleidung mit der Symbolik des christlichen Abendlandes,
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der vereinssportlichen Ertüchtigung oder der hoheitlichen Aufgabenwahrnehmung öffentlich zur Schau gestellt
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oder anderweitig in die Nähe homonider Verhaltensweisen gerückt.
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Häufig werden auch szenetypische Pullover und T-Shirts mit seinem Bildnis verfertigt und damit die Strasskatze aus ihrer natürlichen Umgebung verdrängt.
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Das ist nicht gut.

Patagonien und Feuerland – lange Unterhosen und dicke Pudelmützen

Falls es da draussen, unter unseren Lesern, Nachahmer geben sollte, also Menschen, die sich auch mit dem Gedanken tragen, auf Bruce Chatwins Spuren durch die südlichsten Regionen des amerikanischen Kontinents zu streifen, dann will ich diesen Zeitgenossen heute ein paar Tipps an die Hand geben, wie die Reisegarderobe aussehen könnte.

Wir haben unsere Koffer gepackt und waren dabei in Gedanken an den Stränden Brasiliens und in tropischen Zonen. Es ist ja auch einfacher, wenn man mit 20 Kilo Gepäck und einem Packsack, dazu etwas Handgepäck, auskommen möchte, zunächst einmal an Bikini und Strandtuch zu denken.

Dass es im Süden kalt werden würde, das war uns klar. Ich war aber der Ansicht, zwei Fleecepullis, zwei Outdoorhosen, meine lange Skiunterwäsche und die neue Regenjacke, das ist warm genug! Zum Schluss habe ich noch schnell eine Pudelmütze und ein paar Wollhandschuhe eingepackt. Man weiß ja nie.

Inzwischen, fast vier Wochen später, besitze ich außerdem eine sehr dicke neue Fleecejacke, ohne die ich kaum mehr das Haus (bzw. das Auto) verlasse, eines von diesen Allzwecktüchern, die man um den Hals, auf dem Kopf oder als Haargummi tragen kann und eine neue Regenhose, die immer mit muss, weil sie auch ganz wunderbar gegen Wind schützt.

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Bereits unser erster Ausflug in Ushuaia, auf die Insel der Pinguine, hat uns vorbereitet: Das Wetter wechselt hier täglich mehrmals zwischen Regen, Sonne, manchmal auch Schnee. Nicht zu reden vom Wind, dem wir hier immer ausgesetzt sind und der den Regen sehr unangenehm von der Seite heranbläst.

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Die Jungs hatten natürlich – alles harte Männer – keine langen Unterhosen an, sondern froren erbärmlich im Eisregen. Wir Mädels waren besser vorbereitet und versorgten danach unsere Jungs, die sich am heißen Ofen aufwärmen mussten, mit dampfenden Tee, um gegen bösen Schnupfen vorzubeugen.

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Robert besitzt seither ebenfalls eine nagelneue Regenhose, eine warme Thermounterhose, eine kuschelige Pudelmütze und süße, hellblaue Mädchen-Fleece-Handschuhe, weil es in der Männerabteilung nur noch Grillhandschuhe gab.

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Allen zukünftigen Patagonienreisenden kann ich auf den Weg geben: Zu warme Klamotten gibt es nicht! Und: lasst etwas Platz im Gepäck für spontane Käufe.

Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle meiner Freundin Berna, die genau die richtige rote Regenjacke für mich ausgesucht hat. Berna, ich trage sie täglich. Außerdem grüße ich hier meine Schwester Babsi, die mir vor vielen Jahren aus einem alten Unterhemd einen wunderbar bequemen Bauch-Geld-Gürtel genäht hat: ich trage ihn immer wieder gern! Er hält meinen Bauch beim Reisen schön warm und hat viel Platz für die Sicherheitsreserve.

Chile – Punta Arenas – Gabba Gabba Hey

Sandy Point – wie diese Stadt bei ihrer Gründung durch die Briten einst lieblos genannt wurde – steht im Ruf, den schönsten Friedhof Südamerikas zu haben.
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Vor allem aber ist es der Ort einer Verabredung, die wir lange herbeigesehnt hatten: Das unkonventionelle und global operierende Unternehmen Wicked hat sich angeboten, uns einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Es vermietet Fahrzeuge, die man mit etwas gutem Willen als Wohnmobil bezeichnen kann, eine Fahrzeuggattung, die in Lateinamerika sehr rar ist. Zu diesem Zweck haben die Mitarbeiter gewöhnliche Lieferwagen umgebaut und diesen ein neutrales und unauffälliges Design gegeben.
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Die Blechdose sollte uns die Unabhängigkeit liefern, die wir benötigten um Patagonien auf eigene Faust zu erobern. Alejandro fungierte bei diesem Geschäft als Mittelsmann. Das chilenische Kompetenzbündel war ein drahtiger Bursche, der seine Daunenjacke mit einer weißen Short kombiniert hatte, was jedoch keinen größeren Schaden an seiner Glaubwürdigkeit anrichtete. Ehrfurchtsvoll lasen wir die klar formulierten Ansagen von seinen Lippen ab, die er mit dezenten aber unzweideutigen Bewegungen seiner Kuchenteller-großen, roten Hände unterstrich. Es mag leichtsinnig von uns gewesen sein, nach dem Namen der Band zu fragen, die als Schattenriss der Seite des Vans den künstlerischen Anstrich gab. Aber es kann sicher nicht der alleinige Grund dafür gewesen sein, unseren Fahrfähigkeiten ein sehr begrenztes Vertrauen entgegen zu bringen; anders war die Bemerkung, “los Ramones” in einem Stück wieder abzugeben, nicht zu deuten.
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Bei genauerer Betrachtung gab uns seine Bemerkung jedoch auch den nötigen Spielraum, den wir angesichts der zu erwarteten Schotterpisten und Schlaglöcher auch dringlich benötigten. Ausgestattet mit allen Utensilien, die man für solch eine grenzüberschreitende Unternehmung braucht, bedankten wir uns herzlich und füllten unsere Treibstoff- und Lebensmittelvorräte im Einkaufsparadies der zollfreien Zone von Punta Arenas auf. Das Privileg der Zollfreiheit dient in diesen unwirtlichen Regionen eigentlich dazu, letzte individuelle Zweifel für eine in Erwägung gezogene Ansiedlung auszuräumen.
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Wenige Stunden später konnte unser Roadmovie beginnen. Unsere erste Station war die Stadt Puerto Natales. Sie gilt als Ausgangspunkt für die Unternehmungen in den Nationalpark Torre Del Paine. In ihren engen, aus Holz gebauten Häusern drängen sich zahlreich meist jugendliche und wanderwillige Reisende um die Kanonenöfen. Das Haus des Sportklubs soll als Beispiel für die Bebauung dienen.

Argentinien – Ushuaia – Nationalpark

Marcos Freude über unsere Absicht, den Nationalpark zu besuchen, war erwartungsgemäß groß. Er griff umgehend zu seinem Telefon und bestellte einen Minibus, der uns vor der Haustür abholen sollte. So geschah es, die ca. 5 Kilometer lange Fahrt kostete jeden Fahrgast umgerechnet 20 Euro, die wir bereitwillig bezahlten, weil wir die Höhe des Eintrittsgeldes in den Park noch nicht kannten. Der Süden Amerikas ist zumindest für Euro-Bürger sehr teuer. Wir reden uns ein, es sei für eine gute Sache und hinterfragen diese Sichtweise nicht weiter. Am Eingang des Parks gab es ein kleines Holzhaus mit einem Postamt – natürlich ist es das südlichste der Welt – und einem zwirbelbärtigen Postmann. Agnes kaufte eine Sonderbriefmarke für Hannes:-). Sodann machten wir uns auf eine ausgedehnte und märchenhafte Wanderung. Nun mögen die Bilder erzählen…
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Uruguay – ohne Sinn

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Als sich dieser Tilt-Shift-Effekt – also, dass alles wie Spielzeug aussieht – wie eine Seuche in der Film- und Fotolandschaft verbreitete, habe ich mir geschworen, ihn nicht einzusetzen. Ich fand, dass die Softwarespielerei zu oft und vor allem ohne Sinn eingesetzt wurde. Daher war ich davon überzeugt, darauf verzichten zu können.

Doch ich war schwach. Ich musste es tun. Zu meiner Entschuldigung habe ich anzubringen, dass mir das Foto ohne den Effekt sonst niemand abgenommen hätte. Ich schwöre …