Bolivien/Peru – Titicaca-See – 3800 m

Ein unübersichtlicher Grenzverlauf zwischen Bolivien und Peru war für die Abwege unseres Busses verantwortlich, die erforderlich waren, um die bolivianische Stadt Copacabana am südlichen Ufer des Titicacasees anzufahren. Wir selbst nahmen aus Gründen der Sicherheit die Personenfähre.
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Man muss Copacabana nicht kennen, aber wer sich hier hin begibt ist sehr wahrscheinlich stolzer Besitzer eines Neuwagens, sei es ein Auto, Bus oder Lkw. Denn hier erhält man den Segen der Geistlichkeit, der mehr zählt als die lausigen Versicherungen, die kaum einen möglichen Schaden zu regulieren vermögen. Ein Blumenstrauss und dann heisst es vor der Basilika maurischen Stils warten bis ein Mönch oder ein Schamane kommt und die Segnung erteilt.

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Auf dem Hausberg hat man eine gute Sicht auf die Stadt, die 4000 m Marke erreicht und befindet sich auf einem rituellen Platz, dem Horca de Inka.

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Isla del Sol

Nach einer der Legenden, die die Schöpfung des Inka-Volkes erzählen, ist hier – also auf der Sonneninsel – der erste Inka auf der Erde erschienen. Es sei dahingestellt, ob er nun aus dem Schaum des Titicacasees geschaffen wurde oder an einem der markanten Felsen auf die Insel herabgestiegen war. Es muss ungefähr das Jahr 1200 n. Chr. gewesen sein, er trug den Namen Manco Capac und der Sonnengott Inti hatte ihm einen goldenen Stab mitgegeben. Inti trug ihm ferner auf, eine Stadt an jenem Ort zu gründen, an dem der Stab sich vollständig in die Erde versenken liess, jedoch derart, dass er wieder herausgezogen werden konnte.

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Archeologischer Fund bzw. Keramikfigur

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Stolze Nachfahrin des Inka

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Altar der Tempelanlage

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Der Titicacasee ist nicht nur in der Inka-Mythologie ein Symbol für Fruchtbarkeit, der Boden war für das Vorhaben des Inka jedoch ungeeignet. Auf jeden Fall hat Manco Capac die Insel verlassen und sich auf die Suche begeben…

Die schwimmenden Inseln der Urus

Nun folgt ein Zeitsprung von wenigen hundert Jahren, den ich aus Gründen unserer Reisechronologie einschieben muss: Das Inka-Volk ist längst gross, mächtig und hat fast alle benachbarten Völker unterworfen – bis auf ein kleines wehrhaftes Völkchen, dass eine besondere Überlebendsstrategie entwickelt hat. Um sich dem Einfluss des Inka zu entziehen, lebten die Urus auf Inseln, die sie aus dem Wurzelwerk des Schilfs errichtet haben und ernährten sich ausschliesslich von dem, was der See ihnen bot. Da sich diese Inseln mit der Seeoberfläche bewegen, entsteht der Eindruck, als würden sie schwimmen.

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Eine Insel wird gewöhnlich von einer kleinen Familie bewohnt. Der Teufelsbraten spielt noch harmlos mit dem Ball, er hat noch nie Schokolade gegessen und noch nie Seife gesehen. Er steht kurz davor, sich für die Digitalkamera von Agnes zu interessieren…

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Ein Modell zeigt Aufbau und Grundausstattung einer jeden Insel. Der Ausguck dient der Kommunikation mit den Nachbarinseln.

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Bolivien – Schuhputzer in La Paz

Sie sind auf allen wichtigen Plätzen, in Geschäftsstraßen und überall, wo sich potentielle Kunden tummeln: die Schuhputzer – lustra zapatos oder limpia botas – von La Paz. Auch in anderen Städten sind wir ihnen schon begegnet. Aber hier stechen sie uns besonders ins Auge. Hier tragen sie nämlich nicht nur ihr kleines Holzschächtelchen mit Schuhcreme und Bürste mit sich herum. Hier in La Paz fallen sie auf, weil sie sich hinter Gesichtsmasken verstecken. Wir haben uns natürlich gefragt, warum das so ist und haben als Antwort einen Tipp von meiner Kollegin Steffi bekommen. Sie hat uns auf eine Organisation hingewiesen, die Stadtführungen in La Paz anbietet. Das sind keine gewöhnlichen Touren, sondern sie werden von Schuhputzern begleitet.

Auf dem Rundgang haben wir dann also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, wir haben Interessantes über die Stadt La Paz erfahren und die wichtigsten Plätze besucht und gleichzeitig etwas über die Geschichte der Schuhputzer allgemein und die ganz persönlichen Lebensumstände unserer Guides gelernt. Wir haben gehört, dass die Schuhputzer in der gesellschaftlichen Hierarchie der Stadt ziemlich weit unten stehen. Der Ruf des Berufszweigs ist schlecht: Man bezichtigt sie des übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsums. Um dieses Stigma zu vermeiden, verstecken sich viele hinter ihrer Maske. Denn tatsächlich verbergen sich unter den Schuhputzern Menschen, die zwar aus einfachen Verhältnissen stammen, aber auch Ambitionen haben, die sich etwas dazuverdienen müssen oder neben dem Studium auf der Straße arbeiten. Sie wollen nicht von ihren Kommilitonen, ihren Kollegen, Nachbarn und manchmal sogar von ihren Familien erkannt werden.

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Tito putzt an der Plaza San Pedro, vor dem berühmten Gefängnis. Berühmt deshalb, weil dort in der Vergangenheit sogar Touren für Touristen angeboten wurden. Das war wohl ein lukratives Geschäftsmodell für die Anbieter, denn in diesem Knast läuft es anders als bei uns. Die Gefangenen müssen sich ihre Zelle kaufen und je mehr Geld und Einfluss sie haben, desto angenehmer wird ihr Leben hinter Gittern ablaufen. Manche leben dort zusammen mit der ganzen Familie. Nicht die Polizei hat hier das Sagen, sonderrn die Macht liegt in den Händen der Insassen selbst – natürlich spielen Drogen eine große Rolle. Das Ganze funktioniert wie eine Parallelgesellschaft.

Tito erzählt, wie er als Kind im Gefängnis Schuhe geputzt hat: Sonntags putzen sich die Insassen heraus. Sie lassen sich die Haare machen, ziehen ihren besten Anzug an und brauchen natürlich auch blitzblanke Schuhe…

Tito selbst kommt jeden Tag mit dem Bus von El Alto, der Schwesterstadt von La Paz, herunter. Dort leben die meisten Schuhputzer, die ambulanten Straßenhändler und viele, die die kleinen Dienstleistungen auf den Straßen La Paz’ anbieten. Er hat einige Stammkunden, die er heute aber versetzt und zu seinem Kollegen  schickt, während er uns berichtet. Jeden Tag wartet er auf diiesem Stammplatz an der Plaza.

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Nicht alle Kollegen von Tito nutzen den Vorteil eines Stammplatzes, denn dazu ist es nötig, Mitglied in einerr Asociación de lustra zapatos, einer Art Schuhputzerverband, zu sein. Die Mitgliedschaft kostet natürlich Geld, das nicht alle aufbringen können. Außerdem will die Stadt die Zahl der Schuhputzer begrenzen und vergibt keine neuen Plätze. Man kann also ggf. nur den Platz eines anderen überrnehmen. Als ambulanter Schuhputzer kann man aber auch Stammkunden haben, wie uns ein anderer Schuhputzer, Walter, an der Plaza Mayor schildert. Er nimmt jeden Tag die  gleiche Route und zieht von einem Platz zum anderen. Die Plaza Mayor, gleich neben der Plaza San Francisco (und der gleichnamigen Kirche) gelegen, spielte übrigens eine bedeutende Rolle im Leben der Schuhputzer. Hier wurde früher ein Fussballturnier der verschiedenen Asociaciones ausgetragen. Noch heute scheinen jugendliche lustra zapatos sich dieser Tradition in der Mittagspause zu erinnern.

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Schuheputzen, das kostet in der Regel 1,5 Bolivianos. Das sind umgerechnet vielleicht 20 Cent. An einem guten, sonnigen Tag kommt ein Schuhputer vielleicht mal auf 100 Bs. Je nach Wechselkurs entspricht das grob 10 Euro. Im Durchschnitt wird er aber eher 30-40 Bs. verdienen. Damit ist es selbst in einem armen Land wie Bolivien schwierig, eine Familie zu ernähren. Auch Kinder putzen, z.B. in den Ferien, um das Famiieneinkommen aufzubessern. Kinderarbeit ab 10 wurde ja kürzlich in Bolivien gesetzlich wieder erlaubt.

“Vamos juntos”, so heißt die Organisation, die sich um die Schuhputzer und ihre Familien kümmert und auch die Stadttouren organisiert. Vor ca. 15 Jahren von einer Deutschen gegründet, arbeitet Vamos Juntos heute mit etwa 500 Schuhputzern und deren Familien zusammen. Das Ziel ist es dabei, die individuellen Lebensbedingungen  und gleichzeitig das Bild der lustra zapatos in der Gesellschaft zu verbessern. Dazu soll insbesondere auch die Stadttour beitragen. Vamos Juntos bekommt übrigens keine staatliche Hilfe, sondern finanziert diese wichtige Arbeit nur über Spenden. Einen großen Beitrag leisten auch die Weltwärts-Freiwilligen, die regelmäßig auf der Straße mit den Schuhputzern sprechen, um unmittelbar von Problemen und Sorgen in deren Familien zu errfahren. Mehr Infos über die Organisation und auch den Kontakt für die Stadttour findet Ihr auf www.vamosjuntos.de

 

Bolivien – Carnivore III – Pique Macho

Pique Macho oder auch A lo Macho ist ein typisches bolivianisches Gericht, das wegen seiner dargereichten Menge stets auf einer oder mehreren Platten serviert werden muss. Üblicherweise trägt diese Platte auf einem Berg Pommes gegrillte Rindfleischstücke, Würstchen Frankfurter Art, Zwiebeln, scharfe Paprika aber auch Spiegeleier. Um bei der Labung die Gleitfähigkeit der unterschiedlichen Bestandteile auf einen gleichwertig hohen Wert zu bringen wird über die Platte Ketchup, Mayonnaise und/oder auch eine nur in Amerika existierende Form von gelb-transparentem Senf gegossen.
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Einer urbanen Legende folgend wird es so genannt, weil man macho ist, wenn man alles alleine aufgegessen hat – natürlich vorausgesetzt, dass man männlichen Geschlechts ist. Dieses macho-Sein beinhaltet eine Reihe von gesellschaftlichen Verpflichtungen, gestattet andererseits aber auch eine Reihe von Privilegien.

Zu den Verpflichtungen zählt zunächst, die Haare mittels einer sich stark verfestigenden Gel-artigen Substanz zu einer Art glänzendem Helm zu formen. Um den gewünschten kriegerischen Ausdruck in erhöhte Glaubwürdigkeit zu versetzen gehört zum Erscheinungsbild weiter das Tragen einer grün oder blau spiegelnden Sonnenbrille, deren Designmerkmale auch unter dem Begriff „Pornobrille“ zusammengefasst sind. Mit getakteten Schritten durchmisst man nun private und öffentliche Räume in spitzen Lederschuhen.
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Bedauerlicherweise gehört zu den Verpflichtungen auch die Aufnahme von lohn- oder häufiger verbeamtungsfähigen Tätigkeiten, die jedoch allesamt in sitzender oder liegender Haltung auszuführend sind. Ersatzweise – und das ist die Regel – können diese Verrichtungen auch einfach nur simuliert sein. Es gehören dazu alle Fahrertätigkeiten – wie gesagt auch alle simulierten Führungstätigkeiten an rollbarem technischem Gerät – viele Kassiertätigkeiten und vor allem Durch- und Vorbeiwinktätigkeiten.
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Dem steht eine Reihe von körperorientierten Privilegien gegenüber, die hinsichtlich der beteiligten Organe in einem Bereich angesiedelt sind, der gemeinhin mit „Untenrum“ hinreichend beschrieben ist. Grundsätzlich kann eine Hand somit stets am Schritt aufliegend mitgeführt werden; zum Schutz und zur Zugriffssicherung des primären Geschlechtsteils. Weiterhin müssen auch international gültige Regeln zum Schutz der Intimsphäre von Frauen in Toilettenanstalten nicht nur nicht beachtet werden, sondern es besteht augenscheinlich auch eine gewisse sportliche Erwartung zur Missachtung selbiger. Hierfür sind entsprechende Hinweisschilder angebracht.
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Sollte sich dies aus bautechnischen Gründen nicht ermöglichen lassen ist der Betreiber der Anlage offenbar dazu aufgerufen, geeignete technische Einrichtungen zu schaffen, die ersatzweise eine mittelbare Reizstimulation zulassen.
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Bolivien – Cochabamba – 2600 m

In der Ankunftshalle des Flughafens empfing uns Señor Rafael. Eigentlich steht er mit Agnes in einer beruflichen Verbindung. Mein Eindruck war, dass sich Ihr Arbeitsverhältnis auch mit dem Wort freundschaftlich sehr treffend beschreiben lässt. Er führte uns auf den Parkplatz und ich ahnte bereits, dass er uns mit einem seiner Sammlungsstücke überraschen würde, von denen ich bereits gehört hatte.
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Ich sollte Recht behalten, denn vor einem weißen Volkswagen blieb er stehen und öffnete eine Heckklappe, die den Schriftzug „Variant“ trug. Es zeigte sich ein vorbildlich gepflegter Innenraum mit Originalausstattung. Ohne Zögern zündete der flache 1600er im Heck und die über Stößel bewegten Kipphebel brachten die Ventile zu ihrem Boxer-typischen Klingeln.
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„Und, was sagst Du?“, war einer seiner ersten vollständigen Sätze in Deutsch. Während ich den Zustand des in Brasilien unter dem Namen „Brasília“ gebauten Oldtimers lobte, zog das Stadtbild Cochabambas an uns vorbei. Die neuere Geschichte der Stadt war mir bereits aus dem gelungenen Budget-Streifen „Und dann der Regen“ bekannt.
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Der Krieg um das Wasser ist zunächst vorbei, doch zum ersten Mal bemerkte ich den unverstellten Gegensatz von bemühter Moderne und bitterer Armut. Viele ältere Menschen und Frauen mit Kindern in prekären Zustand betteln an Verkehrsampeln, auf Platzen und in Eingängen.
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Wir besichtigten die ehemalige Residenz eines Zinnbarons und sind beeindruckt von der Pracht und der Verschwendung, die die meist aus Europa stammende Ausstattung ausstrahlte. Das Haus dient heute als Kulturzentrum.
Den Abend verbrachten wir als Gast bei einem Unternehmer, der neben uns und Señor Rafael noch Freunde aus Politik und Kultur eingeladen hatte. Das Thema der übersichtlichen Runde war Bolivien, seine Bildungspolitik und … Evo Morales. Einige Sätze dieses Abends haben uns sehr beeindruckt und werden noch häufiger Gegenstand unserer „Bolivien-Analysen“ sein.
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Nicht nur wir, auch die Menschen auf der Straße sind politisiert. In „offenen Universitäten“ halten auf öffentlichen Plätzen selbsternannte Professoren Vorlesungen zu Imperialismus und Neoliberalismus. Keine schlechte Idee, über die Feinheiten kann man auch später noch im Detail reden!
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Am nächsten Tag querten wir die Altstadt und stürzten uns in das farbenfrohe Getümmel des unübersichtlichen Regionalmarktes La Cancha.
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Wer hierher kam, ist zuvor einem der liebevoll am Blubbern gehaltenen Dodge D-4000 entstiegen und hat den Komfort und die Eleganz des öffentlichen Nahverkehrs Boliviens am eigenen Leib buchstäblich erfahren.
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Dieser Markt ist ein Spektakel aus Farben, Generationen, Geräuschen und Gerüchen; Bolivien, auf einem sehr verdichteten Raum…
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Bolivien – Santa Cruz de la Sierra – 400 m

Ein Flug von Tarija nach Santa Cruz hat uns rund 50 Euro gekostet. Nicht nur aus diesem Grunde reist man am besten mit der BOA, denn die Straßen sind meist schlecht, die Fahrzeuge verbraucht und häufig schiebt sich ein Erdrutsch nach Starkregen in die Routenplanung. Autofahrten erfordern außerdem regelmäßige Stopps, die zum Kauf von Getränken und Süßigkeiten verpflichten.
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Die Flugzeit ermöglicht es der Crew, jedem Passagier eine Pappschachtel mit 3 gut gepolsterten Keksen und ein Getränk der Wahl anzubieten.
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Santa Cruz ist die Wirtschaftsmetropole Boliviens und für einen Touristen lohnt der Besuch kaum. Hinzu kommt, dass nur das nach dem Plaza-Modell erstellte Zentrum die gewünschte Sicherheit bietet. Die Einwohner übernehmen keine Garantien für die darüber hinausgehenden Bereiche. Allerdings ist der Flughafen ein wichtiges Drehkreuz, so dass man kaum daran vorbeikommt.
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Unser Hostal war ungewöhnlich und von einem Reiseführer empfohlen, dessen Verlag ein vielleicht zu einsamer Planet zu sein scheint. In Anzahl Sterne ließe es sich grafisch darstellen, wenn ein internationales Design für den Minusbereich entwickelt worden wäre. Wir wechselten in ein Business-Hotel, da ich eine Umgebung benötigte, in der ich mich von dem unerwarteten Racheanschlag eines sehr bekannten Azteken-Königs erholen musste.
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In Santa Cruz bekamen wir unsere erste Lektion in bolivianischer Sozialkunde: Das Land zeigt sich tief gespalten. Die Konfliktlinien laufen entlang diverser und sich überschneidender Zustände: Bettelarm oder steinreich, Stadtmensch oder Campesino, Kreole oder Indigen, trockenes Hochland oder wasserreiche Tiefebene. All diese Linien schneiden sich in einem Punkt, ein energiegeladenes Zentrum, das dem bolivianischen Volk einen Sohn geboren hat. Entweder man hasst ihn oder man liebt ihn: Evo Morales. Er ist der erste indigene Präsident Südamerikas – vielleicht sogar ganz Amerikas – und – nach verbreiteter Meinung – spricht er weder fließendes Spanisch noch fehlerfreies Quechua.
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Bolivien – Tarija – 1900 m

Der Agent der bolivianischen Fluggesellschaft schaute hinter seinem Röhrenmonitor hervor und warf einen freundlichen, aber bestimmten Blick über den hölzernen Schreibtisch zu uns herüber. Nein, es gäbe in den kommenden 2 Wochen keinen Flug von Salta nach Bolivien. Dann nahm er einen Stift in die Hand, zog einen Block hervor und schrieb darauf Stichworte seines folgenden Vortrags, wobei er dessen Ortsmarken nochmals unterstrich. Dies sei die Beste der wenigen Möglichkeiten, nach Bolivien zu kommen, fasste er zusammen. Wir folgten seinen Empfehlungen.

Der Bus erreichte die Grenzstadt Aguas Blancas um 5 Uhr morgens. Der Strom war ausgefallen und wir entglitten dem Fahrzeug in die völlige Dunkelheit. Laut Plan sollten wir nun ein Taxi zur Grenze nehmen, doch die ortskundigen Fahrgäste waren schneller. Die endende Nacht verbarg die Verunsicherung in unseren Gesichtern. Unerwartet fragte uns eine junge Frau, ob wir uns ein Taxi mit ihr und ihrem Freund teilen wollten. Wir bejahten das in eine befristete Adoption mündende Anliegen des chilenisch-argentinischen Paares.
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Daniela und Alejandro geleiteten ihre Adoptivkinder alsdann durch die Silhouette der Grenzstation, in der eine Reihe argentinischer Beamter – jeweils mit einer Taschenlampen unter dem Kinn – die Ausreisestempel in mutmaßliche Pässe drückten.
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Die Beiden führten ihre Schützlinge im ersten Morgenlicht über die nur fuß-läufig passierbare Brücke, dem Regenbogen folgend, über den Grenzfluss. Vorbei an der Bürokratie bolivianischer Beamter ohne das übliche Handgeld; mit einem weiteren Taxi ging es in die nahe Grenzstadt, die den Namen des Flusses trug. Sie organisierten ein Collectivo (Sammeltaxi), borgten ihnen das nötige Kleingeld und lieferten sie 4 Stunden später wohlbehalten, dankbar und erschöpft auf der Plaza der Regionalmetropole Tarija ab. Danke!
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Das nach dem Plaza-Modell erstellte Tarija ist die zweite Stufe unseres Planes zur nachhaltigen Höhenanpassung. Wegen ihres relativen Wohlstandes steht sie zudem für einen entschärften Kulturschock beim Erstkontakt mit dem wirtschaftlich schwächsten Land Südamerikas. Die Umgebung Tarijas ist nebenbei das Weinanbaugebiet Boliviens und wahrscheinlich das höchst gelegene der Welt. Die Weine gibt es nur in Bolivien zu kaufen. Ein Sachverhalt, den ich für alle anderen und die Handelsbilanz des küstenlosen Staates sehr bedauere.
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Das architektonische Glanzlicht bildet ein mit silbernem und goldenem Felgenlack lackiertes Kolonialgebäude – die Casa Dorada.
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In einem der zahlreichen Geschäfte für Kommunikationselektronik kauften wir eine SIM-Karte und machten die ersten Erfahrungen mit landestypischen Eigenarten, die sich in den folgenden Tagen wiederholen werden: Das Spanisch ist innerhalb des Gesprochenen manchmal nur schwer zu identifizieren, der Blick meidet meist den Gesprächspartner, die Zuwendung gilt allen gleichzeitig, dafür aber ist die Aufmerksamkeit kurzlebig und die Handlungsbereitschaft benötigt kommunikative Unterstützung. Diesen Eigenschaften entspricht natürlich nicht jeder, wobei jedoch festzustellen ist, dass Männer ihnen eher zugeneigt sind. Ein Paradebeispiel war der SIM-Kartenverkäufer, dessen Handelsware 7 Tage später ihrer Bestimmung folgte.
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Wie auch in den Nachbarländern werden die Ereignisse in Europa genau beobachtet. Mit einer verdeckten Genugtuung nimmt man zur Kenntnis, dass es „auf dem Kontinent“ ungelöste Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen gibt und bezieht Stellung. Außerdem können wir uns auf eines immer verlassen: Wenn in Deutschland der Mob Aufmärsche gegen Randgruppen organisiert, dann wird das auch in Südamerika in den Aufmachern der Zeitungen und Fernsehnachrichten ausgiebig breit getreten.
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Argentinien – Carnivore II

Der Vegetarier spielt in der argentinischen Ernährung eine wichtige Rolle – im Besonderen als Grillgut in der Parilla.
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Die Parilla ist sozusagen das Ernährungszentrum des Argentiniers. In Köln würde man Grillhaus oder – wie in Köln Nippes der 90er Jahre – einfach „Grill 2000“ dazu sagen. Ganz vorne auf dem Rost bzw. am Feuer liegt das rote Fleisch des Vegetariers, meist Rind oder Schaf aber auch Lama oder Guanako.
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Wohl wegen seiner herausragenden Stellung wird es gerne gekreuzigt und an den Rand eines offenen Feuers gestellt.
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Weißes Fleisch hingegen, wie es die Allesfresser – Schwein oder Geflügel – liefern, kann als Sättigungsbeilage dienlich sein. Aber Vorsicht: Als Mann ein Hühnchen zu bestellen kann schnell dazu führen, dass man als homosexuell eingeschätzt wird. Das wäre weiter nicht schlimm, wenn es nicht folgende Bewandtnis hätte: Homosexualität wird hierzulande nicht ähnlich interpretiert wie z.B. in einer Kölner Walldorfschule; also als gleichberechtigte sexuelle Ausrichtung oder als Spielart der Natur. Vielmehr muss man als männlicher, mutmasslicher Homosexueller eine gewisse Nachrangigkeit in der gesellschaftlichen Wertschätzung hinnehmen. Ähnlich wie der Sohn der Prostituierten – oder gar alles das, was eine Prostituierte im metaphorischen Sinne gebären könnte – ist der Homosexuelle nämlich ein unverzichtbares Element im Satzbau des argentinischen Mannes. Es ist eine Position, die es keinesfalls anzustreben lohnt.
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Argentinien – Glaciar Perito Moreno – von der Bläue des Lichts

Die Kolonisierung des amerikanischen Kontinents stellte die meist europäischen Einwanderer unter anderem vor folgende Herausforderung: Wie sollte die Siedlung heißen, die sie gedachten zu gründen? Welchen Namen soll der Fluß tragen, der durch sie hindurch fliesst? Wie nennt man den Berg am Horizont, wie das Tal? In Abhängigkeit vom Besiedlungszeitpunkt und von der Region haben sich folgende Herangehensweisen als günstig erwiesen: Man fragt die Ureinwanderer oder man nennt den großen Fluss einfach Rio Grande – was so viel heißt wie großer Fluss. Dass der Ureinwanderer nicht notwendigerweise kreativer war, belegen die Wasserfälle Iguazu. Denn frei aus der Tupi-Sprache übersetzt heißt das eben auch nur „Grosses Wasser“.

Im Anchluss an die der grobe Orientierung dienenden Erstbenamung kamen dann zügig populäre Heilige ins Spiel, z.B. Santiago de Chile, … de Cuba etc. (Hl. Jakob von …). Als das Zeitalter der Aufklärung näher rückte mussten herausgehobene Persönlichkeiten der Wissenschaften dran glauben. Einer von ihnen war Perito Moreno, ein argentinischer Universalgelehrter, wobei der Zusatz Perito für „Experte“ steht. Seine Expertise ging so weit, dass heute eine Stadt, ein Nationalpark und eben eine Gletscherzunge seinen Namen tragen. Das Besondere an diesem Gletscher ist nun, dass man ihn trockenen Fußes erreichen kann und dass er heute noch weiter wächst.
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Wir näherten uns dem Unesco-Weltnaturerbe über eine verspielte Asphaltstraße, die sich am Ufer des Gletschersees entlang schlängelte. Eine willkommene Abwechselung zu den per Lineal gezogenen Verbindungsstraßen Argentiniens. Noch wirkte er wie andere Gletscher, die wir aus der Ferne betrachten durften.
Hölzerne Laufstege erleichtern die letzten Kilometer des Zugangs und rechtfertigen das Eintrittsentgelt. Nun entwichen uns die ersten Ohhh.. und Ahh… Laute.
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Ich könnte jetzt Fakten nennen wie z.B. eine Höhe von rund 180 Metern usw. Das würde aber nichts erklären. Besser, man fährt mal hin und sieht sich das an! Der Grössenvergleich mit den Besuchern auf den Stegen (unten links) macht es deutlicher.
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Mit einem Teleobjektiv kann man die Details der Baisertorte ins rechte Licht rücken – ein blaues Licht von besonderer Ausstrahlung!
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Es war schon Nachmittag und auf die Wärme der Mittagssonne antwortete der Gletscher mit einem erschütternden Knacken, das in Mark und Bein fuhr. Dem folgte stets ein Raunen aus den Reihen auf der Zuschauertribüne. Mit etwas Glück war die Kamera bereit und der Augenblick, in dem sich ein großes Stück Eis löste und mit einem gewaltigen Getöse in das Wasser klatschte, ließ sich einfangen. Schiffshohe Wellen breiteten sich daraufhin ringförmig um die strudelnde Stelle auf der Oberfläche des Sees aus.
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Aber der gute Perito Moreno hätte das sicher fachlich anspruchsvoller erläutert…
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Argentinien – Patagonien – kleiner Tank, weites Land

Wir verließen den Nationalpark Torre del Paine um die Gletscherregion am Lago Argentino zu besuchen. Der See ist einer der grössten Binnengewässer Südamerikas und liegt – wie der Name erwarten lässt – in Argentinien. Hierzu ist ein Grenzübertritt notwendig, allerdings erwarteten wir keine Komplikationen, da im Vergleich zu Chile die argentinischen Behörden weniger strenge Regeln zum Mitführen von Lebensmitteln geschaffen haben. Man mag diese Regeln für unzeitgemäß halten, doch tatsächlich spielen sie in Chile eine wichtige Rolle. In dem zwischen Pazifik und Anden isolierten Biotop existieren heute noch Kulturpflanzen, die in ihren Herkunftsregionen wie z.B. Europa bereits durch Viren, Bakterien oder anderen Schädlinge vernichtet wurden und ausgestorben sind.
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Chilenisch-Argentinischer Grenzübergang

In Argentinien fiel nun lediglich auf, dass uns der chilenische Grenzer versehentlich nochmals einen Einreisestempel statt jenen für die Ausreise in den Pass gedrückt hatte. Eine günstige Gelegenheit die Aufmerksamkeit des argentinischen Beamten zu loben und Seitenhiebe auf die chilenischen auszuteilen. Schnell verbesserten sich die Straßenbedingungen, allein das weitmaschige Tankstellennetz machte uns Sorgen, denn die Klötzchen der Tankanzeige stapelten sich im unteren Drittel.
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Mitten im Nirgendwo näherte sich eine Tankstelle. Agnes schlug vor, zu tanken. Neben dem Tankstellenhäuschen schwebte ein großer Vogel über einem an einer Leine hängenden, ausgeweideten Kadaver. In meinem inneren Kino lief der Vorspann von „Psycho IV“ als ich mich plötzlich sagen hörte: „Fahr weiter, wir haben genug Sprit!“. Zäh und langsam näherten wir uns dem Ort La Esperanza, der laut Angaben meiner OSM-Karte über eine Tankstelle verfügte; darüber hinaus über ein “Hotel”, eine Straßenkreuzung und viel, viel Staub. Der Tankwart wischte mit einem öligen Lappen über die Diesel-Zapfsäule. Er schaute nur kurz zu uns auf als ich ihm ein fragendes „Gasolina?“ zurief und antwortete bestimmt: „No hay!“ – „Gibts nicht!“.
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Rund 50 Kilometer vor dem eigentlichen Ziel standen wir am Straßenrand, Agnes schwenkte den leeren Benzinkanister wenn sich ein Fahrzeug näherte. Nach wenigen Versuchen stiegen 4 verwegen aussehende Kerle aus 2 heruntergerittenen Karren der 80er Jahre. Weitere 10 Minuten später erkannte ich in ihnen die Engel aus Mendoza, die immer einen Gummischlauch mitführen und wissen, wie man damit Benzin aus einem Autotank abfüllt – für ein herzliches Vergelts Gott. Bevor sich die Sonne in den Lago Argentino versenkte erreichten wir die Stadt, die ihren Namen einer Cranberry-ähnlichen Beere verdankte – El Calafate.
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Lagune am Lago Argentino