Halbzeit – unsere Reiseroute

Etwas mehr als die Hälfte der Reisezeit liegt hinter uns. Zum Glück liegt auch noch etwas Zeit vor uns. Für die Neugierigen unter Euch, hier unsere bisherige Reiseroute mit ein paar Kommentaren zu Transportmitteln, Unterkünften usw…

Vielen ist sicher schon aufgefallen, dass unser Blog nicht immer ganz aktuell ist, sondern immer ein wenig hinterherhinkt. Auch diese Karte ist zum Zeitpunkt, an dem ich dies schreibe, nicht mehr auf dem neuesten Stand. Zur Halbzeit hatten wir uns nämlich vorgenommen, neue Regionen kennenzulernen (wir hätten es auch gut geschafft, die komplette Auszeit in Chile und Argentinien zu verbringen).

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Unsere erste Station: Buenos Aires
Die drei Nächte dort waren definitiv zu wenig, um diese tolle Stadt kennenzulernen. Glück hatten wir mit dem über airbnb gebuchten Privatzimmer. Tolle Gastgeber, super Lage, bestes Preis-Leistungs-Verhältnis. Was will man mehr?

Für die Fahrt nach Uruguay über den Rio de la Plata mit Buquebus (Kombi aus Fähre und Busfahrt) haben wir eine Menge Geld bezahlt. Billiger war die Rückfahrt von Piriápolis nach Buenos Aires. Mit den Bus gings von Piria nach Montevideo und von dort bis Carmelo. Dort stiegen wir auf das Linienboot, das uns durchs Flussdelta bis nach Tigre brachte. Von dort gings wieder im Bus nach Buenos Aires. Die Bootsfahrt ist wirklich sehr schön und Tigre ein nettes Örtchen.

Von Buenos Aires brachte uns die Aerolinas Argentinas nach Ushuaia, in die südlichste Stadt der Welt, die übrigens recht hohe Lebenshaltungskosten hat. Von dort ging es später mit dem Bus über die chilenische Grenze nach Punta Arenas. Die lange Fahrt war auch deshalb sehr abwechslungsreich, weil wir mit der Fähre über die Magellanstraße übersetzen. Auf der Überfahrt wurden wir von schwarz-weißen Delfinen begleitet.

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In Punta Arenas holten wir endlich unseren verrückten “wicked”-Van ab, der uns 12 Tage durch Patagonien begleiten sollte. Die Route hieß Punta Arenas – Puerto Natales (bei Regen auf dem verdreckten Campingplatz. Getröstet hat uns das dazugehörige warme Restaurant mit Essen wie bei Muttern zum Billigpreis und mit einem leckeren chilenischen Wein für 5 Euro die Flasche) – Torres del Paine Nationalpark (mein absolutes Highlight, trotz Kälte und Wind. Es lohnt sich den “teuren” Campingplatz im Park mit Warmwasserduschen zu bezahlen: spektakuläre Aussicht und sehr saubere Bäder!) – El Calafate (staubig und touristisch, aber ganz nett) – El Chaltén (der Campingplatz war leider nicht so sauber, hatte dafür aber einen warmen, kuscheligenn Gemeinschaftsraum mit Küche zu bieten) – Rio Gallegos (kann man machen, muss man aber nicht) – Punta Arenas. Von 12 Nächten haben wir immerhin 8 in unserem Minibus geschlafen und ihn nachher auch etwas vermisst…

In Punta Arenas stiegen wir wieder ins Flugzeug, um nach Puerto Montt zu fliegen. Ein netter Taxifahrer brachte uns direkt vom Flughafen nach Puerto Varas, wo wir zunächst einen Schrecken bekamen, als wir unser Bed&Breakfast sahen. Von außen sah es doch sehr renovierungsbedürftig aus und wenn uns nicht ein schrulliger, altersloser Mann angesprochen hätte, der sich später als der Rezeptionist zu erkennen gab, hätten wir eventuell schnell die Flucht ergriffen. Nach den ersten Stunden begannen wir die Casa Lan Antu zu lieben. Vor allem wegen des riesigen Fensters mit Aussicht auf den Vulkan (der allerdings erst nach drei Tagen hinter den Wolken hervorkam).

Von Puerto Varas machten wir mit dem Mietwagen einen Abstecher nach Chiloe (das habe ich auf der Karte vergessen einzuzeichnen), wo wir in einem Palafito-Stelzenhaus übernachteten und nette junge Chilenen auf Pilgerreise (auf den Spuren der Jesuiten) kennenlernten.

Nun verliesen wir Chile aber endgültig und fuhren mit dem Bus über die argentinische Grenze nach Bariloche. Hier haben wir eine ziemlich gute Unterkunft gefunden: Ein Bed&Breakfast, das aber bei Buchung über das Internetportal airbnb fast die Hälfte des regulären Preises kostete. Bariloche ist nämlich nicht billig, zumal wir zur Hochsaison dort aufkreuzten.

Eigentlich wollten wir mit dem Zug weiterreisen zur argentinischen Atlantikküste. Da dieser aber nur einmal pro Woche fährt und wir nicht so viel Zeit verlieren wollten,  haben wir uns anders entschieden. Wir buchten wieder einen Flug (diesmal wars wirklich teuer) über Buenos Aires nach Salta, im Norden Argentiniens. Dort haben wir dann auch ein wunderbares Bed&Breakfast gefunden, das zwar ziemlich teuer war, aber unschlagbar, was Lage, Charme, Sauberkeit, Zimmergröße und Frühstück anbelangt.

Wie es von dort weiterging, werde ich bei anderer Gelegenheit erzählen.

 

 

 

 

Uruguay – ein Nachtrag Montevideo

Längst sind wir in anderen entlegenen Gegenden des Kontinents unterwegs, trotzdem möchte ich an dieser Stelle noch einmal an unseren Ausflug nach Montevideo zurückdenken. Auch dort war weihnachtlich geschmückt.

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Im Hintergrund sieht man den Palacio Salvo, ein Gebäude, das in den 1920er Jahren von den Salvo-Brüdern, die in der Wollindustrie reich geworden waren, in Auftrag gegeben wurde. Schon im Vorfeld der Reise hatte ich davon gelesen und mich für dieses eigenartige Bauwerk interessiert. Allerdings war mir nicht bewusst, dass es an prominenter Stelle in der Stadt, an der Plaza de Independencia, dem Unabhängigkeitsplatz, steht.

Zufällig sassen wir im Strassencafe genau an der Stelle, von der ich das Foto aufgenommen habe. Der Palacio Salvo galt in den 1920er Jahren für einige Zeit als höchstes Gebäude Südamerikas. Heute dient er vor allem als Wohnraum. In den oberen Geschossen konnte man Menschen erkennen, die sich an den offenen Fenstern Abkühlung von der Sommerhitze verschaffen wollten. Im Erdgeschoss sind aber auch Geschäfte untergebracht.

Neugierig haben wir den Eingangsbereich betreten. Dort gab es eine kleine Fotoausstellung und historische Daten über das Bauwerk. Ein Concierge wachte darüber, dass kein Unbefugter einen der Aufzüge betrat. Wir liesen uns davon nicht beeindrucken und in einem unbeobachteten Moment stiegen wir, zusammen mit einem Mieter, in den Fahrstuhl. Wir hörten hinter uns den lauten Protest des Pförtners, aber da standen wir schon in der engen, alten Kabine, auf dem Weg nach oben…

Selbstverständlich hatten wir den 23. Stock angewählt, das war die letzte per Fahrstuhl erreichbare Etage. Die Fahrt war etwas gruselig. Dauernd fragte ich mich, ob das Gefährt wohl bis oben durchhalten würde. Geschafft! Wir waren oben angekommen. Hier schauten wir in den schmalen, sich windenden  Flur. Offensichtlich waren wir oben im Türmchen angelangt. Leider konnte ich nur kurz um die Ecke schauen. Die Vorstellung, dass der Fahrstuhl die 23 Stockwerke nach unten fahren würde während wir hier oben ohne Fluchtweg gefangen sein würden, verursachte leichte Panik. Deshalb überredete ich Robert, sofort wieder nach unten zu fahren. Schade! Aber der Portier begrüßte uns unten begeistert . So würde niemand von seiner Unaufmerksamkeit erfahren. Er war wohl froh, dass wir das Gebäude schnell wieder verliesen.

Noch heute frage ich mich, was uns da oben erwartet hätte und bereue ein wenig, dass ich die Gelegenheit nicht genutzt habe.

Uruguay – Montevideo – Stadtentwicklung mit Experimentalphysik

Eine Fahrt in Uruguays Hauptstadt Montevideo war die weitere Herausforderung, die wir dem Mitsu auferlegten. Am Busbahnhof navigierte ich das Fahrzeug mit dem hochseetauglichen Lenkungsspiel zunächst in ein Parkhaus. Hier konnte der landestypisch röhrende Auspuff nochmals voll zur Geltung kommen. Im Terminal selbst arrangierten wir schon mal unser Rückfahrtticket, das uns später wieder über den Rio de la Plata bringen sollte. Dann machten wir uns zu Fuß auf in das alte Herz der Stadt.
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Die vergangene Schönheit der Primatstadt muss man sich erarbeiten. Auf unserem sich hinziehenden Fußmarsch umwarben uns Villenviertel aus dem beginnenden letzten Jhdt. mit ihrem morbiden Charme. Näher am Zentrum wuchsen Pracht der patinierten Fassaden und auch die Anzahl der Stockwerke. Unglaublich verschwenderische Bauten, die ich als Laie der Neoklassik, dem Viktorianischen oder dem Jugendstil zuordnen würde, wechselten sich ab mit architektonischen Verfehlungen aus den letzten vier Dekaden, für die es nimmermehr eine halbwegs versöhnliche Erklärung geben kann.
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Ich hatte mir das urbane Treiben wegen der aktuellen Liberalisierung der Drogengesetze als bunte Kifferfete vorgestellt. Doch die Metropole wirkte wie verlassen, denn es war Sonntag. Das Hafenviertel wartete auf Touristen und wir auf das Ende des Regens. Indessen beobachten wir auf der Plaza de Independencia die Dreharbeiten zu einem Werbespot.
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Als wir über die langgezogene Avenida Libertador zurück geschlendert waren, hatte sich bereits ein seltsamer Eindruck verfestigt: Wäre nicht diese Stille, die nur durch den gleichförmigen Strassenverkehr durchbrochen war, glaubte ich mich manchmal fast in Havanna; ein Havanna, in das jemand wahllos 80er Jahre Bauten aus Bukarest gestellt hatte.
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Am Heck eines Busses zerschlugen sich dann auch schließlich unsere Befürchtungen, dass wir in Uruguay Episoden der neuen Staffel von The Big Bang Theory verpassen könnten, wenn wir sie denn hätten sehen wollten.

Uruguay – Mobil in Piriápolis

Wir waren inzwischen in Uruguay in einer netten kleinen Cabaña am Strand. Schnell war klar, dass es eine Reihe von Schwierigkeiten zu bewältigen geben würde: Erstens befindet sich die Hütte ungefähr 30 Minuten Fussweg vom Zentrum von Piriápolis entfernt. Das wäre nicht schlimm, wenn auf dem Weg dahin auch nur eine einzige Bar, ein einziges Restaurant geöffnet oder ein Supermarkt zu finden wäre. Und wenn man auf dem Rückweg nicht bei 35 Grad ohne Schatten den Berg hoch müsste. Offensichtlich machen die wenigen Lokalitäten, die es außerhalb des Zentrums gibt, erst zu Saisonbeginn auf (also etwa in einer Woche), und keinen Tag früher. (Wenn man beim Renovieren und Streichen zuguckt, steht zu befürchten, dass sie es auch bis dahin nicht rechtzeitig schaffen.)

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Unsere Recherchen im Internet, wann denn ein Bus die Haltestelle um die Ecke passieren würde, blieben ergebnislos. Auch Beatriz, unsere Vermieterin, hat es nicht rausgefunden. Wie sich herausstellte waren wir ihre ersten Gäste aus dem nicht-argentinischen Ausland. Und sie hatte einfach nicht damit gerechnet, dass jemand mal ohne fahrbaren Untersatz anreisen könnte.

Außerdem hatten wir eigentlich geplant, uns für einen Tag ein Auto zu mieten, um die Küste zu erkunden. Aber leider gab es in der Umgebung weder Autovermietung noch Reisebüro.

Alles kein Problem für Beatriz: Als tüchtige Geschäftsfrau hatte sie sofort eine Lösung parat. Sie bot uns an, ihren alten Pick-up zu mieten. Vielleicht wollte sie ihn uns auch verkaufen, denn der Mietpreis für die drei Tage entsprach wahrscheinlich ungefähr dem Fahrzeugwert. Aber es geht hier natürlich nicht ums Materielle, sondern die inneren Werte zählen. Und der Tank war fast voll.

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Das Auto hat uns nicht enttäuscht. Nach Roberts Meinung wird dies aber wohl eine der letzten Reisen dieser 20 Jahre alten Schrottkarre gewesen sein. Beatriz ist allerdings überzeugt, dass das Auto bestens in Schuss ist und ihr noch die nächsten 10 Jahre gute Dienste leisten wird…

Uruguay – ohne Sinn

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Als sich dieser Tilt-Shift-Effekt – also, dass alles wie Spielzeug aussieht – wie eine Seuche in der Film- und Fotolandschaft verbreitete, habe ich mir geschworen, ihn nicht einzusetzen. Ich fand, dass die Softwarespielerei zu oft und vor allem ohne Sinn eingesetzt wurde. Daher war ich davon überzeugt, darauf verzichten zu können.

Doch ich war schwach. Ich musste es tun. Zu meiner Entschuldigung habe ich anzubringen, dass mir das Foto ohne den Effekt sonst niemand abgenommen hätte. Ich schwöre …

 

Uruguay – Die Belgier unter den Latinos

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Wir verließen B.A. per Schiff um den Rio de La Plata zu überqueren. Das Flussdelta hatte an dieser Stelle eine Breite von rund 50 km. Am anderen Ufer hatten wir den Boden Uruguays unter den Füßen. Ein Bus schaukelte uns unweit der Küste Richtung Piriápolis. Wir erwarteten ein beschauliches Städtchen, das im 18 Jhdt von einem selbstverliebten Esoteriker gegründet wurde und wohl in den 20ern des letzten Jhdts Karriere als Jugendstil Badeanstalt gemacht hatte.

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Zuvor zog jedoch eine in alle Grünvariationen getauchte und mit Zurückhaltung kultivierte Landschaft an unserer getönten Scheibe vorbei. Auf frühlingssaftigen Weiden stand schwarzfleckiges Vieh und mannshohe Räder aus geballten Heu und Stroh lagen auf den Feldern und Wiesen. Alles wirkte sehr vertraut.

Ich erinnerte mich daran, dass man uns in den 90ern lehrte, Uruguay sei die Schweiz Lateinamerikas. Ein Gefühl sagte mir, dass daran etwas nicht stimmte. Tage später korrigierte ich diesen Vergleich – zumindest für mich selbst: Es musste Belgien sein.

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Dafür sprachen mindestens 3 Gemeinsamkeiten: Erstens, die zögerliche Bereitschaft zur Erneuerung ihrer Fahrzeugflotten. Zweitens, eine Neigung zur Durchführung von Trödelmärkten und, drittens, der Gleichmut gegenüber den Regeln der Materialermüdung und des damit einhergehenden allgemeinen Zerfalls.

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Nur am Rande: Tage später unternahmen wir einen Ausritt mit unserem betagten Mitsubishi-Pickup, der für eine handvoll Dollar zeitweise in unseren Besitz geriet. Nach einer eindringlichen Empfehlung der eigentlichen Besitzerin ging es nach Punta del Este. Die Begründung der um kein Erlösmodell verlegenen Dame aus Montevideo war einfach: Auf der Strecke wurde keine peaje, also keine Maut, erhoben.

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In mir wurden dort bereits verblasste Erinnerungen an Ostende geweckt. Bettenburgen aus Beton drängten sich an einem langen Sandstrand und bildeten so eine seelenlose Siedlung.

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