Bolivien – Schuhputzer in La Paz

Sie sind auf allen wichtigen Plätzen, in Geschäftsstraßen und überall, wo sich potentielle Kunden tummeln: die Schuhputzer – lustra zapatos oder limpia botas – von La Paz. Auch in anderen Städten sind wir ihnen schon begegnet. Aber hier stechen sie uns besonders ins Auge. Hier tragen sie nämlich nicht nur ihr kleines Holzschächtelchen mit Schuhcreme und Bürste mit sich herum. Hier in La Paz fallen sie auf, weil sie sich hinter Gesichtsmasken verstecken. Wir haben uns natürlich gefragt, warum das so ist und haben als Antwort einen Tipp von meiner Kollegin Steffi bekommen. Sie hat uns auf eine Organisation hingewiesen, die Stadtführungen in La Paz anbietet. Das sind keine gewöhnlichen Touren, sondern sie werden von Schuhputzern begleitet.

Auf dem Rundgang haben wir dann also zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, wir haben Interessantes über die Stadt La Paz erfahren und die wichtigsten Plätze besucht und gleichzeitig etwas über die Geschichte der Schuhputzer allgemein und die ganz persönlichen Lebensumstände unserer Guides gelernt. Wir haben gehört, dass die Schuhputzer in der gesellschaftlichen Hierarchie der Stadt ziemlich weit unten stehen. Der Ruf des Berufszweigs ist schlecht: Man bezichtigt sie des übermäßigen Alkohol- und Drogenkonsums. Um dieses Stigma zu vermeiden, verstecken sich viele hinter ihrer Maske. Denn tatsächlich verbergen sich unter den Schuhputzern Menschen, die zwar aus einfachen Verhältnissen stammen, aber auch Ambitionen haben, die sich etwas dazuverdienen müssen oder neben dem Studium auf der Straße arbeiten. Sie wollen nicht von ihren Kommilitonen, ihren Kollegen, Nachbarn und manchmal sogar von ihren Familien erkannt werden.

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Tito putzt an der Plaza San Pedro, vor dem berühmten Gefängnis. Berühmt deshalb, weil dort in der Vergangenheit sogar Touren für Touristen angeboten wurden. Das war wohl ein lukratives Geschäftsmodell für die Anbieter, denn in diesem Knast läuft es anders als bei uns. Die Gefangenen müssen sich ihre Zelle kaufen und je mehr Geld und Einfluss sie haben, desto angenehmer wird ihr Leben hinter Gittern ablaufen. Manche leben dort zusammen mit der ganzen Familie. Nicht die Polizei hat hier das Sagen, sonderrn die Macht liegt in den Händen der Insassen selbst – natürlich spielen Drogen eine große Rolle. Das Ganze funktioniert wie eine Parallelgesellschaft.

Tito erzählt, wie er als Kind im Gefängnis Schuhe geputzt hat: Sonntags putzen sich die Insassen heraus. Sie lassen sich die Haare machen, ziehen ihren besten Anzug an und brauchen natürlich auch blitzblanke Schuhe…

Tito selbst kommt jeden Tag mit dem Bus von El Alto, der Schwesterstadt von La Paz, herunter. Dort leben die meisten Schuhputzer, die ambulanten Straßenhändler und viele, die die kleinen Dienstleistungen auf den Straßen La Paz’ anbieten. Er hat einige Stammkunden, die er heute aber versetzt und zu seinem Kollegen  schickt, während er uns berichtet. Jeden Tag wartet er auf diiesem Stammplatz an der Plaza.

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Nicht alle Kollegen von Tito nutzen den Vorteil eines Stammplatzes, denn dazu ist es nötig, Mitglied in einerr Asociación de lustra zapatos, einer Art Schuhputzerverband, zu sein. Die Mitgliedschaft kostet natürlich Geld, das nicht alle aufbringen können. Außerdem will die Stadt die Zahl der Schuhputzer begrenzen und vergibt keine neuen Plätze. Man kann also ggf. nur den Platz eines anderen überrnehmen. Als ambulanter Schuhputzer kann man aber auch Stammkunden haben, wie uns ein anderer Schuhputzer, Walter, an der Plaza Mayor schildert. Er nimmt jeden Tag die  gleiche Route und zieht von einem Platz zum anderen. Die Plaza Mayor, gleich neben der Plaza San Francisco (und der gleichnamigen Kirche) gelegen, spielte übrigens eine bedeutende Rolle im Leben der Schuhputzer. Hier wurde früher ein Fussballturnier der verschiedenen Asociaciones ausgetragen. Noch heute scheinen jugendliche lustra zapatos sich dieser Tradition in der Mittagspause zu erinnern.

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Schuheputzen, das kostet in der Regel 1,5 Bolivianos. Das sind umgerechnet vielleicht 20 Cent. An einem guten, sonnigen Tag kommt ein Schuhputer vielleicht mal auf 100 Bs. Je nach Wechselkurs entspricht das grob 10 Euro. Im Durchschnitt wird er aber eher 30-40 Bs. verdienen. Damit ist es selbst in einem armen Land wie Bolivien schwierig, eine Familie zu ernähren. Auch Kinder putzen, z.B. in den Ferien, um das Famiieneinkommen aufzubessern. Kinderarbeit ab 10 wurde ja kürzlich in Bolivien gesetzlich wieder erlaubt.

“Vamos juntos”, so heißt die Organisation, die sich um die Schuhputzer und ihre Familien kümmert und auch die Stadttouren organisiert. Vor ca. 15 Jahren von einer Deutschen gegründet, arbeitet Vamos Juntos heute mit etwa 500 Schuhputzern und deren Familien zusammen. Das Ziel ist es dabei, die individuellen Lebensbedingungen  und gleichzeitig das Bild der lustra zapatos in der Gesellschaft zu verbessern. Dazu soll insbesondere auch die Stadttour beitragen. Vamos Juntos bekommt übrigens keine staatliche Hilfe, sondern finanziert diese wichtige Arbeit nur über Spenden. Einen großen Beitrag leisten auch die Weltwärts-Freiwilligen, die regelmäßig auf der Straße mit den Schuhputzern sprechen, um unmittelbar von Problemen und Sorgen in deren Familien zu errfahren. Mehr Infos über die Organisation und auch den Kontakt für die Stadttour findet Ihr auf www.vamosjuntos.de

 

Literatur für Reisende und Träumer

Zum Lesen blieb auf unserer Reise bisher wenig Zeit. Unsere Freizeit in der Unterkunft verbringen wir mit Orga für die Weiterreise und in Bussen fällt mir das Lesen schwer, weil mir dabei übel wird.

Trotzdem habe ich inzwischen zweieinhalb Bücher geschafft, deren Lektüre mir Land und Leute näher gebracht hat.

Zunächst einmal wäre da die “Gebrauchsanweisung für Argentinien” von Christian Thiele zu nennen. Thiele hat mir die Gefühlslage der Argentinier näher gebracht, auch wenn noch viele offene Fragen bleiben. So überrascht es mich immer noch, wie gut informiert und gebildet jeder Taxifahrer in Buenos Aires daherkommt und warum dieses Land, das soviel Potential hat, trotzdem von seinen Politikern von einer wirtschaftlichen Misere in die nächste manövriert wird.

Thiele versucht sich an der Definition des Peronismus und erzählt von argentinischen Volksheiligen wie Evita Peron und dem Gauchito Gil, zu dessen Ehren am Straßenrand noch heute von LKW-Fahrern kleine rote Altäre geschmückt werden.

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Ich habe dieses Buch auf meinem kleinen, neuen Ebook-Reader gelesen. Eine praktische Anschaffung für die Reise, allerdings haben wir festgestellt, dass er für Bücher, die zum Nachschlagen genutzt werden, wie z.B. unsere Reisefüher, nur bedingt geeignet ist. Es ist nämlich je nach Ebook-Format sehr umständlich, zwischen den Kapiteln zu wechseln.

Mitten in Patagonien habe ich mir das Buch “Patagonia Express” von Luis Sepúlveda gekauft. Der Chilene beschreibt darin, wie er seinem Großvater als Junge das Versprechen gab, diese Reise ins Nirgendwo zu unternehmen. Er erzählt von seiner Gefangenschaft während der chilenischen Militärdiktatur und der darauffolgenden Irrfahrt durch Südamerika und Europa, bis hin zu seiner Rückkehr in die Heimat. Die kleinen Geschichten über Begegnungen mit Eigenbrötlern und Abenteuerern lassen einem beim Lesen die besondere Mentalität der Menschen vom Ende der Welt spüren. Besonders gut gefallen hat mir, dass Sepúlveda in Europa auf Bruce Chatwin trifft – und hier komme ich zum Klassiker unter den Patagonien-Autoren.

Parallel zum Patagonia Express habe ich nämlich, immer wenn Robert das Buch nicht in der Hand hatte, Bruce Chatwins “In Patagonien” gelesen. Dieses Buch ist eine Pflichtlektüre für alle Reisenden ans Ende der Welt. Bereits in den 1970er Jahren hat Chatwin Patagonien bereist. In einer Zeit, als es dort noch keine regelmäßigen Verkehrsverbindungen und touristische Einrichtungen gab, war er auf Mitfahrgelegenheiten mit LKWs angewiesen und hat, wenn es dem Estancia-Besitzer recht war, bei den Gauchos im Stall geschlafen. Chatwin beschreibt Orte und Menschen so charakteristisch, dass sich staubiges Niemandsland wie die Ölstadt Comodoro Rivadavia zu Sehnsuchtsorten von Touristen verwandelt haben und heute Scharen auf Chatwins Spuren pilgern. Ich selbst stecke immer noch in der Mitte der Lektüre fest, aber Robert hat das Buch schon gelesen und bitter bereut, dass wir auf unserer Patagonienreise den Besuch der Höhle des Mylodons – des Riesenfaultiers, das vermutlich vor etwa 12.000 Jahren ausstarb –  ausgelassen haben. Falls Ihr also einmal nach Puerto Natales in Südchile kommt, solltet Ihr den Fundort des Faultiers, die Cueva del Milodón, unbedingt in die Reiseroute aufnehmen.

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Blauer Mann und das Milodón, Puerto Natales

 

Halbzeit – unsere Reiseroute

Etwas mehr als die Hälfte der Reisezeit liegt hinter uns. Zum Glück liegt auch noch etwas Zeit vor uns. Für die Neugierigen unter Euch, hier unsere bisherige Reiseroute mit ein paar Kommentaren zu Transportmitteln, Unterkünften usw…

Vielen ist sicher schon aufgefallen, dass unser Blog nicht immer ganz aktuell ist, sondern immer ein wenig hinterherhinkt. Auch diese Karte ist zum Zeitpunkt, an dem ich dies schreibe, nicht mehr auf dem neuesten Stand. Zur Halbzeit hatten wir uns nämlich vorgenommen, neue Regionen kennenzulernen (wir hätten es auch gut geschafft, die komplette Auszeit in Chile und Argentinien zu verbringen).

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Unsere erste Station: Buenos Aires
Die drei Nächte dort waren definitiv zu wenig, um diese tolle Stadt kennenzulernen. Glück hatten wir mit dem über airbnb gebuchten Privatzimmer. Tolle Gastgeber, super Lage, bestes Preis-Leistungs-Verhältnis. Was will man mehr?

Für die Fahrt nach Uruguay über den Rio de la Plata mit Buquebus (Kombi aus Fähre und Busfahrt) haben wir eine Menge Geld bezahlt. Billiger war die Rückfahrt von Piriápolis nach Buenos Aires. Mit den Bus gings von Piria nach Montevideo und von dort bis Carmelo. Dort stiegen wir auf das Linienboot, das uns durchs Flussdelta bis nach Tigre brachte. Von dort gings wieder im Bus nach Buenos Aires. Die Bootsfahrt ist wirklich sehr schön und Tigre ein nettes Örtchen.

Von Buenos Aires brachte uns die Aerolinas Argentinas nach Ushuaia, in die südlichste Stadt der Welt, die übrigens recht hohe Lebenshaltungskosten hat. Von dort ging es später mit dem Bus über die chilenische Grenze nach Punta Arenas. Die lange Fahrt war auch deshalb sehr abwechslungsreich, weil wir mit der Fähre über die Magellanstraße übersetzen. Auf der Überfahrt wurden wir von schwarz-weißen Delfinen begleitet.

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In Punta Arenas holten wir endlich unseren verrückten “wicked”-Van ab, der uns 12 Tage durch Patagonien begleiten sollte. Die Route hieß Punta Arenas – Puerto Natales (bei Regen auf dem verdreckten Campingplatz. Getröstet hat uns das dazugehörige warme Restaurant mit Essen wie bei Muttern zum Billigpreis und mit einem leckeren chilenischen Wein für 5 Euro die Flasche) – Torres del Paine Nationalpark (mein absolutes Highlight, trotz Kälte und Wind. Es lohnt sich den “teuren” Campingplatz im Park mit Warmwasserduschen zu bezahlen: spektakuläre Aussicht und sehr saubere Bäder!) – El Calafate (staubig und touristisch, aber ganz nett) – El Chaltén (der Campingplatz war leider nicht so sauber, hatte dafür aber einen warmen, kuscheligenn Gemeinschaftsraum mit Küche zu bieten) – Rio Gallegos (kann man machen, muss man aber nicht) – Punta Arenas. Von 12 Nächten haben wir immerhin 8 in unserem Minibus geschlafen und ihn nachher auch etwas vermisst…

In Punta Arenas stiegen wir wieder ins Flugzeug, um nach Puerto Montt zu fliegen. Ein netter Taxifahrer brachte uns direkt vom Flughafen nach Puerto Varas, wo wir zunächst einen Schrecken bekamen, als wir unser Bed&Breakfast sahen. Von außen sah es doch sehr renovierungsbedürftig aus und wenn uns nicht ein schrulliger, altersloser Mann angesprochen hätte, der sich später als der Rezeptionist zu erkennen gab, hätten wir eventuell schnell die Flucht ergriffen. Nach den ersten Stunden begannen wir die Casa Lan Antu zu lieben. Vor allem wegen des riesigen Fensters mit Aussicht auf den Vulkan (der allerdings erst nach drei Tagen hinter den Wolken hervorkam).

Von Puerto Varas machten wir mit dem Mietwagen einen Abstecher nach Chiloe (das habe ich auf der Karte vergessen einzuzeichnen), wo wir in einem Palafito-Stelzenhaus übernachteten und nette junge Chilenen auf Pilgerreise (auf den Spuren der Jesuiten) kennenlernten.

Nun verliesen wir Chile aber endgültig und fuhren mit dem Bus über die argentinische Grenze nach Bariloche. Hier haben wir eine ziemlich gute Unterkunft gefunden: Ein Bed&Breakfast, das aber bei Buchung über das Internetportal airbnb fast die Hälfte des regulären Preises kostete. Bariloche ist nämlich nicht billig, zumal wir zur Hochsaison dort aufkreuzten.

Eigentlich wollten wir mit dem Zug weiterreisen zur argentinischen Atlantikküste. Da dieser aber nur einmal pro Woche fährt und wir nicht so viel Zeit verlieren wollten,  haben wir uns anders entschieden. Wir buchten wieder einen Flug (diesmal wars wirklich teuer) über Buenos Aires nach Salta, im Norden Argentiniens. Dort haben wir dann auch ein wunderbares Bed&Breakfast gefunden, das zwar ziemlich teuer war, aber unschlagbar, was Lage, Charme, Sauberkeit, Zimmergröße und Frühstück anbelangt.

Wie es von dort weiterging, werde ich bei anderer Gelegenheit erzählen.

 

 

 

 

Patagonien und Feuerland – lange Unterhosen und dicke Pudelmützen

Falls es da draussen, unter unseren Lesern, Nachahmer geben sollte, also Menschen, die sich auch mit dem Gedanken tragen, auf Bruce Chatwins Spuren durch die südlichsten Regionen des amerikanischen Kontinents zu streifen, dann will ich diesen Zeitgenossen heute ein paar Tipps an die Hand geben, wie die Reisegarderobe aussehen könnte.

Wir haben unsere Koffer gepackt und waren dabei in Gedanken an den Stränden Brasiliens und in tropischen Zonen. Es ist ja auch einfacher, wenn man mit 20 Kilo Gepäck und einem Packsack, dazu etwas Handgepäck, auskommen möchte, zunächst einmal an Bikini und Strandtuch zu denken.

Dass es im Süden kalt werden würde, das war uns klar. Ich war aber der Ansicht, zwei Fleecepullis, zwei Outdoorhosen, meine lange Skiunterwäsche und die neue Regenjacke, das ist warm genug! Zum Schluss habe ich noch schnell eine Pudelmütze und ein paar Wollhandschuhe eingepackt. Man weiß ja nie.

Inzwischen, fast vier Wochen später, besitze ich außerdem eine sehr dicke neue Fleecejacke, ohne die ich kaum mehr das Haus (bzw. das Auto) verlasse, eines von diesen Allzwecktüchern, die man um den Hals, auf dem Kopf oder als Haargummi tragen kann und eine neue Regenhose, die immer mit muss, weil sie auch ganz wunderbar gegen Wind schützt.

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Bereits unser erster Ausflug in Ushuaia, auf die Insel der Pinguine, hat uns vorbereitet: Das Wetter wechselt hier täglich mehrmals zwischen Regen, Sonne, manchmal auch Schnee. Nicht zu reden vom Wind, dem wir hier immer ausgesetzt sind und der den Regen sehr unangenehm von der Seite heranbläst.

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Die Jungs hatten natürlich – alles harte Männer – keine langen Unterhosen an, sondern froren erbärmlich im Eisregen. Wir Mädels waren besser vorbereitet und versorgten danach unsere Jungs, die sich am heißen Ofen aufwärmen mussten, mit dampfenden Tee, um gegen bösen Schnupfen vorzubeugen.

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Robert besitzt seither ebenfalls eine nagelneue Regenhose, eine warme Thermounterhose, eine kuschelige Pudelmütze und süße, hellblaue Mädchen-Fleece-Handschuhe, weil es in der Männerabteilung nur noch Grillhandschuhe gab.

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Allen zukünftigen Patagonienreisenden kann ich auf den Weg geben: Zu warme Klamotten gibt es nicht! Und: lasst etwas Platz im Gepäck für spontane Käufe.

Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle meiner Freundin Berna, die genau die richtige rote Regenjacke für mich ausgesucht hat. Berna, ich trage sie täglich. Außerdem grüße ich hier meine Schwester Babsi, die mir vor vielen Jahren aus einem alten Unterhemd einen wunderbar bequemen Bauch-Geld-Gürtel genäht hat: ich trage ihn immer wieder gern! Er hält meinen Bauch beim Reisen schön warm und hat viel Platz für die Sicherheitsreserve.

Uruguay – ein Nachtrag Montevideo

Längst sind wir in anderen entlegenen Gegenden des Kontinents unterwegs, trotzdem möchte ich an dieser Stelle noch einmal an unseren Ausflug nach Montevideo zurückdenken. Auch dort war weihnachtlich geschmückt.

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Im Hintergrund sieht man den Palacio Salvo, ein Gebäude, das in den 1920er Jahren von den Salvo-Brüdern, die in der Wollindustrie reich geworden waren, in Auftrag gegeben wurde. Schon im Vorfeld der Reise hatte ich davon gelesen und mich für dieses eigenartige Bauwerk interessiert. Allerdings war mir nicht bewusst, dass es an prominenter Stelle in der Stadt, an der Plaza de Independencia, dem Unabhängigkeitsplatz, steht.

Zufällig sassen wir im Strassencafe genau an der Stelle, von der ich das Foto aufgenommen habe. Der Palacio Salvo galt in den 1920er Jahren für einige Zeit als höchstes Gebäude Südamerikas. Heute dient er vor allem als Wohnraum. In den oberen Geschossen konnte man Menschen erkennen, die sich an den offenen Fenstern Abkühlung von der Sommerhitze verschaffen wollten. Im Erdgeschoss sind aber auch Geschäfte untergebracht.

Neugierig haben wir den Eingangsbereich betreten. Dort gab es eine kleine Fotoausstellung und historische Daten über das Bauwerk. Ein Concierge wachte darüber, dass kein Unbefugter einen der Aufzüge betrat. Wir liesen uns davon nicht beeindrucken und in einem unbeobachteten Moment stiegen wir, zusammen mit einem Mieter, in den Fahrstuhl. Wir hörten hinter uns den lauten Protest des Pförtners, aber da standen wir schon in der engen, alten Kabine, auf dem Weg nach oben…

Selbstverständlich hatten wir den 23. Stock angewählt, das war die letzte per Fahrstuhl erreichbare Etage. Die Fahrt war etwas gruselig. Dauernd fragte ich mich, ob das Gefährt wohl bis oben durchhalten würde. Geschafft! Wir waren oben angekommen. Hier schauten wir in den schmalen, sich windenden  Flur. Offensichtlich waren wir oben im Türmchen angelangt. Leider konnte ich nur kurz um die Ecke schauen. Die Vorstellung, dass der Fahrstuhl die 23 Stockwerke nach unten fahren würde während wir hier oben ohne Fluchtweg gefangen sein würden, verursachte leichte Panik. Deshalb überredete ich Robert, sofort wieder nach unten zu fahren. Schade! Aber der Portier begrüßte uns unten begeistert . So würde niemand von seiner Unaufmerksamkeit erfahren. Er war wohl froh, dass wir das Gebäude schnell wieder verliesen.

Noch heute frage ich mich, was uns da oben erwartet hätte und bereue ein wenig, dass ich die Gelegenheit nicht genutzt habe.

Uruguay – Mobil in Piriápolis

Wir waren inzwischen in Uruguay in einer netten kleinen Cabaña am Strand. Schnell war klar, dass es eine Reihe von Schwierigkeiten zu bewältigen geben würde: Erstens befindet sich die Hütte ungefähr 30 Minuten Fussweg vom Zentrum von Piriápolis entfernt. Das wäre nicht schlimm, wenn auf dem Weg dahin auch nur eine einzige Bar, ein einziges Restaurant geöffnet oder ein Supermarkt zu finden wäre. Und wenn man auf dem Rückweg nicht bei 35 Grad ohne Schatten den Berg hoch müsste. Offensichtlich machen die wenigen Lokalitäten, die es außerhalb des Zentrums gibt, erst zu Saisonbeginn auf (also etwa in einer Woche), und keinen Tag früher. (Wenn man beim Renovieren und Streichen zuguckt, steht zu befürchten, dass sie es auch bis dahin nicht rechtzeitig schaffen.)

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Unsere Recherchen im Internet, wann denn ein Bus die Haltestelle um die Ecke passieren würde, blieben ergebnislos. Auch Beatriz, unsere Vermieterin, hat es nicht rausgefunden. Wie sich herausstellte waren wir ihre ersten Gäste aus dem nicht-argentinischen Ausland. Und sie hatte einfach nicht damit gerechnet, dass jemand mal ohne fahrbaren Untersatz anreisen könnte.

Außerdem hatten wir eigentlich geplant, uns für einen Tag ein Auto zu mieten, um die Küste zu erkunden. Aber leider gab es in der Umgebung weder Autovermietung noch Reisebüro.

Alles kein Problem für Beatriz: Als tüchtige Geschäftsfrau hatte sie sofort eine Lösung parat. Sie bot uns an, ihren alten Pick-up zu mieten. Vielleicht wollte sie ihn uns auch verkaufen, denn der Mietpreis für die drei Tage entsprach wahrscheinlich ungefähr dem Fahrzeugwert. Aber es geht hier natürlich nicht ums Materielle, sondern die inneren Werte zählen. Und der Tank war fast voll.

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Das Auto hat uns nicht enttäuscht. Nach Roberts Meinung wird dies aber wohl eine der letzten Reisen dieser 20 Jahre alten Schrottkarre gewesen sein. Beatriz ist allerdings überzeugt, dass das Auto bestens in Schuss ist und ihr noch die nächsten 10 Jahre gute Dienste leisten wird…

Argentinien – B.A. – Leben in Palermo

So, heute lest Ihr endlich auch einmal einen Beitrag von mir. Nachdem ich mit einer schlimmen Erkältung aus Deutschland abgereist war, hat es ein wenig gedauert, bis sich der „Urlaubsmodus“ bei mir eingestellt hat. Nun endlich fühle ich mich aber entspannt und komme langsam hier an.

Palermo, das Stadtviertel in dem wir in Buenos Aires eine Unterkunft gefunden haben, erinnert mich ein wenig an das Barrio Italia in Santiago de Chile. Obwohl die „Wiederentdeckung“ des Viertels durch Künstler und junge Leute in Palermo wohl schon einige Jahre früher stattgefunden hat, als in Santiago. Hippe Klamottenläden von lokalen Designern reihen sich an Restaurants und Bars. Die Häuser sind meist zweistöckig und in bunten Farben bemalt. Nachts pulsiert das Leben im Viertel.

Gegenüber unserer Wohnung befindet sich ein Parkplatz, abgeschirmt durch eine Mauer. Bei unserer Ankunft war diese noch unauffällig weiß. Am nächsten Tag malte jemand mit schwarzer Farbe die Konturen von Tieren, Pflanzen und menschlichen Figuren darauf. Und am dritten Tag schließlich wurden die Figuren mit bunten Farben ausgemalt. Die Nachbarn versammelten sich und beobachteten die Maler begeistert bei ihrer Arbeit.

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Laya, unsere Vermieterin, erzählt, dass ihre Familie mit dem Haus Glück hatte: ihre Großmutter hatte es in den 60er Jahren gekauft. In einer Zeit, in der Palermo ein reines Wohnviertel und wegen der regelmäßigen Überschwemmungen dort, nicht beliebt war. Außerdem befand sich ganz in der Nähe des Hauses, an der Plaza Armenia, ein Gasdepot. Niemand wollte dort gerne leben, aber die Großmutter fand, es sei besser, bei einer Gasexplosion schnell zu sterben, als verletzt leiden zu müssen. Deshalb kaufte sie das Haus, trotz des Risikos.

Heute kann sich die Mittelschicht in Buenos Aires kein Haus mehr leisten. Immobilien müssen in Dollar finanziert werden, während die Gehälter in Pesos ausgezahlt werden. Laya und Damian verdienen zusammen umgerechnet etwa 1000 Dollar. Ein 1-Zimmerapartment kostet ungefähr 120.000 Dollar. Davon müssen allerdings 80% Eigenkapital eingebracht werden. Die Bank finanziert nicht mehr als 20%.